Der wahre Pokerbluff

Interviewbilder von Max Kruse und Max Eberl
Max vs. Max
Interviewbilder von Max Kruse und Max Eberl
Max vs. Max

Es ist keine Überraschung, dass Max Kruse nach zwei Jahren in Gladbach schon wieder weiterziehen wird. Der gebürtige Reinbeker ist ein klarer Typ der Marke “Geld bestimmt”, und das muss man bei aller beliebten Fussball-Romantik nicht einmal verteufeln (“Söldner”). Der VfL Wolfsburg lockt scheinbar mit der grossen Kohle (Fünf Millionen Euro kolportiertes Jahresgehalt im Vergleich zu 1.3 Millionen), zudem spielt der Volkswagen-Klub nächstes Jahr ebenfalls so gut wie sicher in der Champions-League – die Bars der Hauptstädte Europas „freuen“ sich schon auf Heerscharen von Schlachtenbummlern. Stellt man Geld als Alleinstellungsmerkmal für eine Wechselentscheidung oben auf die Liste, so ergibt der Wechsel für Kruse halt Sinn. Rechnet man jedwede andere Faktoren wie taktische Teamentwicklung, Bedeutung in der Mannschaft, Fanaufkommen und Vereinsimage mit hinein, so ist der Wechsel natürlich weniger nachzuvollziehen. Verliert Gladbach im Mittel-frisst-Klein und Groß-frisst-Mittel-Ringelrei also wieder einen Schlüsselspieler an einen Großen (die unsäglich verlogen geführte 50+1-Debatte, deren Profiteur gerade der VfL Wolfsburg ist, beiseite)?

Mitnichten. Man kann sogar zu einem gewissen Grad Max Eberl “reverse psychology”-Fähigkeiten in der Kunst unterstellen: Wolfsburg holt den Spieler, weil sie ihn unbedingt wollen, und genau das ist Eberl recht!

Natürlich hätte der findige Sportdirektor den Stürmer ohne Zweifel durchaus gerne gehalten, aber eben nicht um jeden Preis. Und darum schien es Max Kruse und Manager Thomas Strunz (arena11 sports group/ bekannt durch große Erfolge bei Rot-Weiss Essen) gegangen zu sein – Pokerspieler Kruse wollte und will seine Karten aufs Maximale ausreizen, das Kokettieren mit den finanzstärksten Klubs der Liga passt da genau ins Schema. Im Idealfall sollte wohl eine deftige Gehaltsverdopplung rausspringen, unter dem Drohszenario “sonst bin ich für 12 Mio wech”.

Nur – genau das schockte Eberl nicht. Spieler entlohnen, belohnen, würdigen – kein Thema (siehe Xhaka, Herrmann, Hazard, Stranzl, Brouwers). Nur nicht auf das Risiko, Gehaltsgefüge und die Position des ohnehin als schwierig empfundenen Kruse noch weiter zu steigern. Denn 12 Millionen Euro – plus die enormen erwirtschafteten Überschüsse, dazu die möglichen CL-Millionen – Eberl  kann mit Gladbach auf Einkaufstour gehen, und alle, die die Transferpolitik der letzten Jahre verfolgt haben, können das als Drohung an die Konkurrenz verstehen. So ist der Verkauf von Kruse an Wolfsburg auch ein Köder-Schachzug: Den VW-Leuten wird suggeriert, Kruse ist der beste erhältiche Stürmer, während Eberl beim Handschlag mit dem anderen Arm schon auf drei andere Kandidaten zeigt. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass sich Kruse im vielmannigen Wolfsburger Angriff (Dost, Bendtner, Schürrle, de Bruyne) nur als Bank- oder Teilzeitkraft einreihen wird. Das passt nicht zum Spielstil des 27-Jährigen, und schon gar nicht zum Selbstverständnis. Mitnichten würde mit einem Transfer also automatisch ein Konkurrent gestärkt. Dazu kommt ein dritter, nicht zu unterschätzender Aspekt: Kruse würde in Wolfsburg sein “Gehaltspotential” mehr als erfüllt sehen. Endstation Wolfsburg, besser wird es nicht. Das kann zu einem rapiden Leistungsabfall führen, wenn der Traumvertrag sicher ist. Somit hätte Wolfsburg einen gesättigten, genügsamen Spieler mehr, nicht einen aufstrebenden Nationalspieler.

Zudem ist Kruses Leistungspotential auch in Gladbach nicht unumstritten. In Topform, so wie in den letzten Wochen, ist er ein herausragender Teamspieler und Vorlagengeber, der ins Mittelfeld rochiert und Flügelspiel und schnelle Raumüberbrückungen einleitet. Nur selbst in diesen Phasen ist er kein Knipser, kommen dann, bei schlechter Form, seine Schnelligkeitsdefizite und mitunter behäbige Art am Ball, gepaart mit Dauer-Meckern gegen Teamkollegen zum Tragen, so ist es zumindest diskutabel, ob Kruse dauerhaft Champions-League Ansprüchen (für Auto- oder Vitusstädter) genügt. Max Kruse ist, wie oben beschrieben, in aktueller Form ein starker Stammspieler einer sehr eingespielten, harmonischen Mannschaft, und das Herausnehmen eines jeden Spielers aus diesem homogenen Kunstwerk ist eine Gefahr für zukünftige Leistungen. Aber, Ego-Tripper mit Ego-Gehalt zerstören diese Homogenität ebenso. Die Option, die Gesamtqualität zu erhöhen, indem mit hohen achtstelligen Beträgen mehrere Spieler geholt werden, ist einfach vorzuziehen. Deswegen ist es unter Umständen der andere Max, der den besseren Pokerbluff spielt, und nicht Kruse. (mfb)

12 Kommentare

  1. ich denke der Kollege Kruse überschätzt seine Wichtigkeit ( aber welcher Profi tut das heutzutage nicht). soll er doch gehen. Ich denke auch, Eberl möchte ihn nicht mit allen Mitteln halten, sondern lieber Platz für zwei andere Stürmertypen (kopfballstark, box spieler) im Kader haben.

  2. Respekt. Kurz prägnant und zutreffend ! Das ist Fußball-Sachverstand. Kurzfristig vielleicht eine Schwächung – für den Verein langfristig eine Stärkung !

  3. Guter Artikel. Kruse ist zweifellos wichtig im „System Favre“, aber keineswegs unersetzbar. Ähnliche Spielertypen in jünger und mit mehr Potenzial lassen sich für die kolportierte Ablöse finden. Die Frage ist aber immer, wie schnell man den „Baustein Kruse“ durch einen neuen „Spieler X“ ersetzen kann.

  4. Der Beitrag trifft des Nagels Kopf
    Hochachtung
    Worauf ich leider bisher vergeblich gewartet habe, ist die Ankündigung von MK, „Wenn es was zu verkünden gibt, dann tue ich das“
    Naja, vielleicht folgt da ja noch was, denn ich habe MK bislang als ehrlichen Zeitgenossen wahrgenommen, bislang…

  5. Vielleicht ist es ja ganz anders. Vielleicht wurde Kruse ja sogar sanft gedrängt, damit, die 12 Mio auch wirklich kommen, die von Anfang an so eingeplant waren.

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