Der „Spö“ ist kaputt

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Mindestens Fans von Borussia Mönchengladbach ist der Verein ein Begriff, aber auch manch’ ein Fortune hat so seine Erinnerung an den Rheydter Spielverein. Anfang der 90er war der RSV die zweite Kraft in der Stadt Mönchengladbach. Der “Spö” kratzte zeitweise am Tor zur Zweiten Spielklasse und durfte in der Liga gegen Alemannia Aachen, den Wuppertaler SV, Union Solingen und sogar gegen die Fortuna ran. Als Düsseldorf Mitte der 90er in der (drittklassigen) Oberliga kickte, machte die damalige Ristic-Truppe das Jahnstadion in MG-Rheydt voll. Zustände, von denen der RSV heute nur noch träumen kann.

Wer den Verein aus der einst eigenständigen Stadt Rheydt heute auf der Landkarte des Fußballs sucht, muss schon die ganz große Lupe auspacken: Fußballverband Niederrhein, Bezirksliga, Gruppe 3, nach drei Niederlagen zum Start auf dem letzten Platz. Der RSV klopft inzwischen eher an der Tür zur Kreisliga A und dem Derby gegen Viktoria Rheydt, als an der zur Landesliga, was ein Traditionsduell gegen den alten Günter-Netzer-Club 1.FC Mönchengladbach beinhalten würde.

Natürlich fragt man sich, was an so einem Werdegang besonders sein soll. Viele Traditionsclubs aus den einst höheren Amateurligen sind inzwischen abgestürzt. Union Solingen zum Beispiel gibt es nicht mehr. Aber der Rheydter Spielverein ist dagegen schon etwas besonderes. Ist der Verein doch einer der wenigen, der an seinem Standort gleich über zwei sehr taugliche Stadien verfügt. Da wäre zum einen das RSV-Stadion, ein klassisches, reines und altes Fußballstadion. Auch wenn sich die Infrastruktur über die Jahre sicherlich nicht sonderlich verbessert haben sollte: Es ist ein Stadion, das einem in seiner Größe und Schönheit in der Bezirksliga fast schon peinlich sein muss. Das Jahnstadion ist ein Hopper-Traum. Bis zur Oberliga mindestens sollte es kein Problem sein, auf diesem Platz zu spielen.

Und dann wäre da noch das benachbarte Grenzlandstadion samt Trainingsanlagen. Zwar hat das Ding eine Laufbahn, doch das Stadion ist sogar Regionalliga tauglich. Denn Borussia Mönchengladbach hat das Stadion für seine U23 herrichten lassen. Sicher kann dort auch der RSV – sollte er mal höherklassig spielen – unterkommen, ohne seinen Heimatort verlassen zu müssen. Selbst ein DFB-Pokalspiel kann man dort austragen.

Wie kann also ein Verein mit derartiger Infrastruktur so abschmieren? Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Selbstdarstellung vergangener Club-Verantwortlicher, tiefsitzender Provinzialität und falschen Entscheidungen aus irrationaler Selbstüberschätzung. Statt den Status als Nummer 2 der Stadt nachhaltig zu festigen, ist der RSV seit Jahren ein Garant für traurige Entscheidungen.

Man hielt sich viel zu lange für die eigentliche Nummer Eins in Rheydt. Was in Mönchengladbach los war, interessierte kaum. Vor einem Jahr musste ich mit erschrecken feststellen, dass zwischenzeitlich Leute den Club leiten durften, die zuvor dauerhaften Erfolg bis maximal Kreisliga A abwärts hatten. Über die aktuelle Trainer-Situation beim RSV erst gar nicht zu sprechen.

Der Club ist also schon lange aus der Mitte der Gladbacher Wahrnehmung gerutscht. Niemand fragt sich noch ernsthaft, ob er sich sonntag mal – und wenn auch nur aus Langeweile – den “Spö” anschaut. Dabei bietet die Stadt mehr denn je die große Chance für einen zweiten Club, der sich mindestens in der fünftklassigen Oberliga etablieren könnte und hin und wieder mal in der (von uns bei halbangst.de so geliebten) Regionalliga West vorbei schauen würde! In so weiter Ferne liegt das für den RSV gar nicht.

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Was nämlich verrückt klingen mag, wäre einfach einmal ein Resultat seriöser Planung. Der “Spö” bräuchte zumindest ein paar Leute am Ruder, die ein gewisses Gespür für den Amateurfußball in der Region besitzen. Gerade für eine junge Truppe von Freunden, die über die Zeit in ihren Jobs erfolgreich sind, ist es nicht verkehrt, den Verein zu übernehmen. Und ein demütiges Konzept hilft: Gezielt auf die eigene Jugend setzen, Spieler anderer Vereine davon überzeugen, dass der Verein mehr ist, als ein Lieferant für ein paar Kröten Spielprämie – so könnte man es angehen. Würde dadurch ein erster Aufstieg gelingen – natürlich mit engagiertem Trainer, der eine Vorstellung von der Entwicklung hat – wäre die Zeit für das Klinkenputzen gekommen. Hier gilt wie immer, mit dem Erfolg dem Mittelständler zu verklickern: “Hier biste wer, bei der Borussia nur einer unter vielen …” Auf die Tour lässt sich der ein oder andere Sponsor finden.

Irgendwann in der Oberliga angekommen, ist die Kooperation mit der Borussia ganz wichtig. Das neue Jugendinternat des Bundesligisten produziert fantastischen Nachwuchs. Doch nicht alle Spieler haben Profi-Format. Genau für diese wäre dann der Weg in den Männer-Bereich über den RSV einfacher, als selbst bei der U23 der Borussia auf der Bank zu sitzen. Der ein oder andere Spieler ist sicher dadurch zu finden. Gleichzeitig könnten die Rechte an ihm bei der Borussia bleiben. Dadurch kann der RSV erst einmal wachsen und für Geldgeber interessant werden.

Dass ein solches Konzept funktionieren kann, wenn man konsequent eine Verjüngung und Konstanz rein bringt, zeigen ja bereits andere Amateur-Clubs. In der Regionalliga West gibt es einen Verein, mit dem sich der Rheydter Spielverein durchaus vergleichen kann: der FC Kray aus Essen. Auch hier hat sich die Anbindung an den großen Club der Stadt am Ende gelohnt. Die Krayer sind die unumstrittene Nummer Zwei in Essen, auch weil sie mit RWE koexistieren und die Rollenverteilung – selbst bei Siegen über die Rot-Weissen – akzeptieren. ETB Schwarz-Weiß Essen ist dagegen abgehängt, auch wegen ähnlicher Denkmuster wie in Rheydt. (Der Spitzname “Lackschuhe” kommt nicht von ungefähr) Aber bevor man den RSV in träumerische Höhen lobt: Vielleicht reicht es fürs Erste, wenn man einfach mal wieder bei ‘nem Heimspiel vorbei schaut. Wie gesagt: Fußballverband Niederrhein, Bezirksliga, Gruppe 3, nach drei Niederlagen zum Start auf dem letzten Platz. (cu)

(Bilder: Joachim Bomann, bearbeitet mit Pixlr-Express)

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