Der rote Sheriff und das rot-weiße Derby

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RWE-Gästekurve

„Was ist mit den Gäste-Karten für das Pokalspiel zwischen Rot-Weiss Essen und Fortuna Düsseldorf?“ Seit der Auslosung verging kein Tag, an dem diese Frage nicht in einem Forum oder sozialem Netzwerk gestellt wurde. Jetzt, drei Wochen vor dem Spiel, wird deutlich: Die Fortunafans könnten womöglich Opfer des Sommerpausen-Populismus von NRW-Innenminister Ralf Jäger werden – will der doch weniger Gästefans im Stadion sehen als bisher bei Spielen üblich.

Mit Populismus punkten

Jäger hatte sich nämlich vor ein paar Wochen – zur letzten Innenministerkonferenz – etwas ganz “Neues” ausgedacht. Die „Taliban-Horden“ in den Gästeblöcken sollten mal wieder bekämpft werden. Auf dem Treffen wollte Jäger erreichen, dass demnächst bei Risikospielen nur verbindlich noch fünf statt zehn Prozent der Tickets an den Gästeverein gehen dürfen. Außerdem solle im Stadion an diesen Spieltagen ein Alkoholverbot gelten. Was Jäger vergaß: Diese Regelungen gibt es durch das seit 2013 geltende Sicherheitskonzept bereits. Zwar nicht verbindlich, aber das Gästekontingent kann auch schon jetzt reduziert werden. Zum Beispiel wenn Polizei, Vereine, Sicherheitsbeauftragte und Fanvertreter zu dem Schluss kommen, dass diese Maßnahme sinnvoll ist. Oder es kann zur Strafe genutzt werden – wie es der DFB beim nächsten Spiel Mönchengladbach gegen Köln anwenden wird. Und der Vorschlag mit dem Alkoholverbot? Nun ja, wann habt Ihr zuletzt im Gästeblock Alkohol bekommen? Die meisten Vereine haben Alk längst aus den Gästebereichen entfernt und verbannen ihn ebenso bei Risikospielen.

Entsprechend fiel Jäger bei seinen Innenministerkollegen mit dem Vorhaben durch, das Ganze verbindlich festzulegen. Denn zum einen: es gibt solche Regeln bereits. Zum anderen: warum etwas anwenden, wogegen es von Polizeiseite oft Bedenken gibt? Häufig sind es nämlich die örtlichen Beamten, die bei Sicherheitsbesprechungen eine Beschneidung des Ticketkontingents für wenig sinnvoll erachten. Polizeibekannte Problemfans kommen auch ohne Tickets ins Stadion; die breite Masse auszuschließen, schafft nur Solidarisierung. Und über das Alkoholverbot ist bestimmt auch nur müde gelächelt worden. Als ob dadurch auf der Anreise weniger gesoffen würde!

Keine Mehrheit bei den Kollegen

Foto: xtranews.de
Ralf Jäger (Foto:xtranews.de)

Jäger kam deshalb nur mit einer gesichtswahrenden Erklärung nach Hause. Die Innenminister verständigten sich darauf, die Vereine daran zu erinnern,die bestehenden Regeln häufiger anzuwenden. Eine verbindliches Maßnahmenpaket wurde abgelehnt. Für den SPD-Politiker blieb am Ende nur, einen Brief zu schreiben. So wandte sich der rote Sheriff per Post an die NRW-Clubs. Sinngemäß nöhlend: Macht mal was gegen diese Terroristen, ich brauch’ Populismus-Themen. Dass die Vereine das Schreiben – leicht irritiert – gerne an die Öffentlichkeit gaben, versteht sich von selbst.

Mit der Folge, dass Jäger auch bei Journalisten nicht ganz auf Zustimmung stieß. So nannte Halbangst-Autor Klaus Scheffer den Vorstoß im WDR-Landtagsblog “völlig absurd.” Aber noch absurder wird es jetzt bei dem anstehenden Pokalspiel RWE gegen F95. Hier zeigt das Schreiben bereits Wirkung: Man kann wohl davon ausgehen, dass die Polizei auf die Fünf-Prozent-Kontigentierung drängen wird. Wenn der oberste Dienstherr hustet, kann halt auch der Ranghöchste vor Ort nichts machen. Gleichwohl es gerade in Essen eine Menge sachkundiger Beamte geben wird, die die Reduzierung für völlig sinnentleert halten werden.

Blaupause RWE gegen Fortuna

Natürlich hat es beim Spiel RWE gegen Fortuna II zuletzt Vorfälle gegeben, die bei den Ordnungsbehörden nicht besonders gut ankamen. Dass es aber Probleme gab, lag an der dämlichen Entscheidung, das Spiel nicht parallel zur ersten Mannschaft zu terminieren. Die Randale hatte auf jeden Fall nichts mit der Anzahl der Gästekarten zu tun. Außerdem steht in Essen ein neues Stadion mit – für Essener Verhältnisse ungewohnten – vier Tribünen. Es müssen nicht mehr beide Fangruppen über die Hafenstraße anreisen; es wird keine Althauer-Festspiele im Essener Norden geben. Eben weil das neue Stadion einen getrennten Anreiseweg ermöglicht.

Hinzu kommt: Die Gästetribüne fasst etwa zehn Prozent der Stadionkapazität. Im Niederrhein-Pokalfinale gegen Oberhausen hat genau das bestens funktioniert. Die RWO-Fans waren unter sich – die Essener ebenso. Würde man das Kontingent jedoch reduzieren, könnte RWE die Sitzplätze auf der Gästetribüne an die eigenen Leute vermarkten. Ob das sicherer wäre, ist eine spannende Frage, auf die der mit der Populismus-Keule schwingende Ralf Jäger bestimmt keine Antwort findet.

Gäste raus aus dem Stadion

Auch wenn man sich vorstellen kann, was Jäger eigentlich vorschwebt: Das komplette Aus für Gästefans, wie es in Spanien gerne praktiziert wird. Oder das niederländische Modell, bei dem man als Käufer eines Gästetickets sämtliche Bürgerrechte an der Ladentheke abgeben muss. Daher sollte die Fanbetreuung der Fortuna – obwohl genauso geplant – auf keinen Fall auf die Idee kommen, die fünf Prozent der Tickets abzulehnen und auf einen Besuch in Essen zu verzichten. So würde man ungewollt den feuchten Traum des Innenministers erfüllen, der sich dann als harter Hund vorm Stammtisch-Steuerzahler feiern kann, der die Krawallmacher aus der Gästekurve verdrängte. Und das kann es ja nun auch nicht sein.

1 Kommentar

  1. Endlich mal ein guter Artikel von euch! Bin allerdings der Meinung, dass Fortuna dann keine Karten mehr nehmen sollte und eine Demo vor dem Stadion stattfindet. Denn das würde weder Jäger noch der Polizei schmecken.

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