Der Rheinland-Lumpi

Als mich ein Fortuna-Freund damals nach seiner Verpflichtung fragte, ob Tobi Levels ein “Guter” sei, musste ich ausholen. So einfach war das für mich als Gladbacher nicht zu beantworten. Spielerisch konnte ich guten Gewissens sagen – für die Zweite Liga ja, erste Liga nein. Aber aufgrund der mannschaftlichen Qualitäten und der Identifikation mit den Dingen im Rheinland und am Niederrhein kam mir “ein Königstransfer” über die Lippen. Dass ich damit übertrieben hatte, war mir schon damals klar. Aber nichtsdestotrotz halte ich Tobias Levels für einen wichtigen Fußballer; in jeder Mannschaft des Rheinlands. Schade, dass Fortuna nicht mit ihm verlängern will.

Das Ende in Düsseldorf kam kurz und schmerzlos. Unter der Woche schaffte Levels selber Fakten. Statt sich in tagelangen Beteuerungen nicht vorhandener oder gar stockender Verhandlungen zu verlieren, sagte er klar, was Sache ist. Der Verein wolle nicht mit ihm verlängern, das nehme er zur Kenntnis und schaue jetzt mal, was noch so mit ihm passiert. Da war er wieder: der Junge vom Niederrhein. Wenn es nicht mehr weiter geht, setzt sich die feste niederrheinische, in Düsseldorf auch gerne als bäuerlich verschrobene verspottete, Haltung durch. Schmerzlos äußerte er sich, nüchtern und klar – keine Spielchen, keine verlogenen Liebeserklärungen an seinen baldigen Ex-Club aber auch kein Nachtreten war von ihm zu vernehmen.

Dabei dürfte es ziemlich an dem 27-Jährigen genagt haben, dass er jetzt vor die Tür gesetzt wird. Man erinnere an die Tränen zu Saisonbeginn, als ihn große Teile des Stadions auspfiffen. Eine ähnliche Reaktion zeigte er auch schon einmal während eines Spiels – damals noch im Gladbacher Triklot. Bei einer Niederlage 2008 gegen Leverkusen, als man mit hanebüschenen Leistungen am Saisonende fast wieder abstieg, sah Levels bereits Mitten im Spiel mehr als nur traurig aus. Auch damals entlud sich die Fanwut an Levels. Man konnte genau sehen, wie sehr es ihm weh tat. Ob Tränen dabei waren, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Aber anstatt sich hängen zu lassen, den Fans und dem Verein den inneren Mittelfinger zu zeigen, hängte er sich beide Male voll rein. Zeigte auf seinem Niveau, ob für Fortuna oder die Borussia, gute Leistungen. Das muss man als Fan und auch als Verantwortlicher respektieren und schätzen. Aber – auch hier eine Parallele – in beiden Vereinen ist ihm der Stuhl nicht gerade sanft vor die Tür gestellt worden, wie es sich für einen Spieler mit einer derart hohen Identifikation gehört.

Dabei ist Levels Motiv für die Hingabe an den Arbeitgeber garnicht so sehr mit den Vereinen als solche begründet. Klar, bei Gladbach hat er von Kindesbeinen an gespielt, bei der Fortuna hat er eine verrückte Zeit miterlebt. Aber es ist offenbar viel eher die regionale Verbundenheit, die ihn so gerne für diese Clubs spielen lässt. Levels stammt aus Tönisvorst im Kreis Viersen, einer Stadt die jedes Klischee in Düsseldorf über das sogenannte “Ostholland” am Niederrhein bestätigt. Für einen Fußballprofi seiner Qualität, ist er doch ziemlich wenig rumgekommen. Heimatverein im Dorf, Uerdingen, Gladbach, Fortuna. Das war’s bisher. Dass es ihm scheinbar wichtig ist, nahe an Zuhause zu spielen, wurde mir im November 2010 klar. Damals gewann die Borussia in Köln mit 4:0 und der FC rutschte auf den letzten Platz ab. Nach der Partie im Regen kauerte Lukas Podolski alleinegelassen auf dem Rasen des verregneten Müngersdorfs. Keiner seiner Mitspieler kam zu dem sichtlich verbitterten Ur-Kölner. Nur zwei auf dem Rasen verstanden Podolskis Not. Michael Frontzeck, der damalige Gladbacher Trainerversuch und Tobi Levels. Frontzeck klatschte dem Kölner auf den Rücken und versuchte ihn aufzubauen. Levels ging einen Schritt weiter, nahm Podolski in den Arm, richtete ihn auf und führte ihn Richtung Kabine. Levels hatte Empathie für den Gedemütigten. Rheinländer unter sich.

Das können in diesem Landstrich nur wenige Profis von sich behaupten. Lumpi Lambertz von der Fortuna ist so einer. Auch er spielt nicht die beste Saison, aber sein Vertrag in Düsseldorf wird verlängert. Ihn stellt man nicht in Frage. Warum sollte man das auch? Hier macht die Fortuna alles richtig. Ein Glück jedoch, das Tobi Levels nicht beschieden ist. Trotz der Leistungen in den letzten Spielen nimmt man einen sportlichen Verlust in Kauf. Und noch schlimmer: Man trennt sich von einem identitätssiftenden Spieler. In einer Zeit, in der Fans oft von regionalen Spielern träumen, ist dann doch kein Platz mehr für Levels.

Aber wer weiß, vielleicht läuft Levels noch für den 1.FC Köln auf. Das wäre sehr rheinisch-oldschool. War es in den 60igern und 70igern doch noch üblich zwischen den drei Traditionsvereinen zu wechseln, ohne dass man gleich in die Hölle verwunschen wurde. Für mich dürfte Levels das auch problemlos – als einer der wenigen – auch heute noch machen. Zwar würde ich ihn lieber als Kapitän der Gladbacher U23 sehen. Aber es hätte schon was, wenn es nach Jahren mal wieder einen waschechten Rheinland-Profi geben würde, der ein verbindendes Element zwischen den drei Clubs darstellen könnte. (cu)

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