Der DFB liest sich seine Welt zurecht

Drei Ultras in einem Stadion. Quelle: 11Freunde

Seit den Geschehnissen der vergangenen Saison haben sämtliche Medien das Thema “Ausschreitungen” wieder für sich entdeckt. Platzsturm in Düsseldorf, marodierende Ultras in Köln oder in der Tat schlimme Schlägereien in Karlsruhe. Das ist der Stoff, aus dem die Talkshows sind. Und wo mehr als fünf Leute in einem bundesweiten Programm diskutieren dürfen, sind Funktionäre und Politiker natürlich sofort mit Feuereifer dabei. Und das führt zu bisweilen munteren Interpretationen und Lesarten, wie das Beispiel des DFB-Generalsekretärs Helmut Sandrock beweißt.

Der NRW-Innenminister Ralf Jäger hat es fußballerisch derzeit nicht leicht: Er ist Fan des MSV Duisburg und der Klub dümpelt am Ende der Zweitliga-Tabelle rum. Aber Duisburger sein hat auch Vorteile: Man kennt sich halt vor Ort bestens. Besonders so alte Bekannte wie den DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock. Der war nämlich mal Vorstandsvorsitzender bei den Meiderichern aus Duisburg. Daher war es für die Landtags-Journalisten auch nicht allzu überraschend, als Jäger und Sandrock am Freitag letzter Woche (31.8.2012) gemeinsam das “NRW-Präventivkonzept gegen Stadiongewalt“ vorstellten. Über die Inhalte wurde hier und da geschrieben, so richtige Überraschungen waren nicht drin. In Zeiten des populistischen Wahnsinns ist das sogar mal ganz angenehm, wenn ein Politiker nicht von Nacktscannern, echtem Striptease vor Ordnern und totalem CCTV spricht, sondern nur Altbekanntes aufwärmt. Doch da haben wir ja noch Herrn Sandrock. Der gab sich – grundsätzlich löblich – als Leser der “11Freunde” aus.

Und was hatte er da in der Augustausgabe studieren dürfen? Ein Interview mit drei älteren Ultras die von schlimmsten Dingen in Sachen Stadiongewalt berichten. Der DFB-General hatte seine Kronzeugen: “Wenn es ein entlarvenderes Interview hätte geben können, dann war es das.” Und schwupps gesagt auch gleich noch eine Phrase hinterher: “Wer Gewalt ausübt, wer Pyrotechnik zündelt, wer Menschen gefährdet und sie diskrimeniert von dem distanzieren wir uns!” Mein Gott, wer hat denn da ein Forum bekommen? Hat das “Magazin für Fußballkultur“ ein paar Althauer im Ultralook zum Gespräch gebeten? Wurde da mit Randale wie in den 80igern gedroht? Mitnichten!

Es handelte sich schlicht um ein offenes Gespräch mit der Überschrift “Seid ihr die Taliban der Fans?“ Eben jene Frage, die Maischberger in ihrer „Expertenrunde“ stellte. Natürlich wird in dem Text die Frage verneint. Gestoßen hat sich Sandrock wohl an der Antwort dazu, warum sich Ultras nicht von Gewalt distanzierten. Die war nämlich – wie das ganze Interview – ehrlich: Gewalt sei nun mal Teil von Ultra, aber nicht das primäre Ziel. Gewalt gehöre immer zum Fußball. „Wer was anderes behauptet, ist weltfremd oder er lügt!“ So erklärte es einer der Drei. Zunächst einmal hat der DFB-Generalsekretär also Recht.

Aber der Text war ja nicht nur ein paar Zeilen, sondern vier Seiten lang. Und ganz gelesen, stellt sich die Sache etwas anders dar. Denn alle Gesprächspartner verurteilen Angriffe auf andere Fans und Ultras, distanzieren sich von Hooligans, die das Gewaltmonopol um ein Fußballspiel herum leider immer noch haben. Und sie hoffen auf einen Dialog mit dem DFB und der Politik. Auf dass weitere “Sicherheitskonferenzen“ nicht ohne die Fans ablaufen. Liest man das Interview so, dann steht die Gewaltaussage in einem anderen Licht. In einem Stadion sind nun mal so viele Fans und sogar Ultras, dass jeder bekloppt wäre, würde er Gewalt ausschließen. Das wäre genauso falsch, wie wenn die Polizei nicht von Kloppereien auf dem Oktoberfest ausgehen würde. Dort werden übrigens pro Tag nahezu mehr Menschen verletzt als bei allen Bundesligaspielen einer Saison! Vielleicht hätte Herr Sandrock das Interview mal ganz lesen sollen, statt die offenbar vom Pressesprecher markierte Stelle isoliert aus dem Kontext heraus den Kollegen in die Blöcke zu diktieren. (Was nebenher übrigens kein Kollegen aufgriff!) Vielleicht sogar liest man beim Deutschen-Fußball-Bund jenseits der Pressestelle die “11Freunde” garnicht, wie Helmut Sandrock es suggerieren wollte? (cu)

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