Eine Sportart, fast nicht zu retten

Ende Juli wiederholt sich ein alljährliches Schauspiel: Mitten in der sommerlichen Ferienzeit denkt man im Eishockey an gefrorenes Wasser. Die Vorbereitungszeit für den zweitliebsten Sport in Deutschland beginnt.

Die Vereine schauen dann allesamt nicht mehr zurück, haben sie doch in der Regel die schwierigste Phase der abgelaufenen Spielzeit erfolgreich – oder zumindest planbar – hinter sich gebracht. Die Rede ist nicht von aufreibenden Play-offs, sondern von der Finanzierung samt Lizenzierung für die neue Saison. Im Juli wissen sie alle, ob sie auch weiterhin für ihre Spielklasse zugelassen sind – oder zumindest wo sie spielen werden.

Eishockey und Finanzen – die Antipoden des Sports

In Deutschland gelten die Finanzen seit jeher als das größte Sorgenkind. Zwar machen die Vereine der Deutschen Eishockey Liga Millionenumsätze, aber diese reichen in fast allen Fällen nicht mal im Ansatz aus, um die Kosten für wettbewerbsfähigen Sport zu decken. Das liegt zum einen an den Gegebenheiten. So zieht es Sponsoren und lukrative Fernsehdeals seit jeher in den Fußball, während im Kufensport allein die Kosten auf konstant hohem Niveau liegen. Ein guter deutscher Spieler verdient nicht selten gute sechsstellige Summen – netto! Zum anderen liegt es am Image des Sports. Über die Jahrzehnte gibt es keine Disziplin, in der sich mehr halbseidene oder unfähige Typen in den Geschäftsstellen der Clubs tummeln. Seriöse Sponsoren sind nicht selten vorsichtig, mit einem Engagement.

Nein, Eishockey ist fürwahr kein Ort für Freunde sicherer Geldanlagen. Dennoch hat sich in der jüngeren Vergangenheit das Gefühl einer gewissen Solidität breit gemacht. Zumindest in den ersten beiden Ligen gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr Geldexzesse, Pleiten oder Lizenzentzüge; der nationale Verband ist nahezu skandal- und schuldenfrei; die strauchelnde Düsseldorfer EG hat sich zumindest für ein paar Jahre gesichert und reiche Gönner machen in Mannheim, Köln, Berlin, Nürnberg oder München hochklassiges Eishockey ohne oberflächliche Geldsorgen möglich.

Unter der Haube schlummert Ungemach

Somit startet man auch in dieser Spielzeit an den meisten Orten mit Gelassenheit in die Spielzeit, meist erwartungsfroh, auf eine sportlich und damit auch finanziell erfolgreiche Runde. Doch diese Ruhe ist trügerisch. Wer ein wenig unterhalb der Oberfläche kratzt, findet besorgniserregende Zahlen. Dafür reicht zum Beispiel eine Auswertung der im Bundesanzeiger veröffentlichten Angaben. Die Eishockeyclubs in Deutschlands erster Liga sind eigenständige Gesellschaften und ebenso Gesellschafter der Liga selber. Und die Jahresabschlüsse müssen normiert (mit einem Jahr Verzug) für jeden zugänglich veröffentlicht werden.

Ein Blick auf die DEL als Gesellschaft sieht wenig gefährlich aus. Alle 14 Vereine sind mit 16.000 Euro an ihr beteiligt, die Verbindlichkeiten konnte die Liga zwischen 2015 und 2016 von 512.965 auf 336.197 Euro reduzieren. Da die Rückstellungen über eine halbe Millionen Euro betragen, ist die Deutsche Eishockey Liga im Kern eine gesunde Veranstaltung. Was man jedoch nicht von allen Gesellschaftern sagen kann. So lagen bei den NRW-Clubs zum 30.04.2016 (aktuellere Daten gibt es nicht) die Verbindlichkeiten bei über 46 Millionen Euro. Den geringsten Anteil daran haben die Iserlohn Roosters mit rund 1,84 Millionen Euro. Gegenüber den Vorjahren konnte diese Summe sogar um 150.000 Euro reduziert werden. Außerdem gab es keinen Fehlbetrag in der Bilanz, der nicht durch Eigenkapital gedeckt ist. Das heißt: Die Roosters arbeiten solide, große Sprünge sind bei ihnen aber nicht drin. Von den Finanzen her – das werden wir später noch sehen – fehlen die Mittel, um sportlich mit den ganz Großen der Branchen mitzuhalten.

Iserlohn und Krefeld im Überblick

Eine ähnliche Situation findet sich in Krefeld. Auch dort ist der Etat mit um die sechs Millionen Euro eher im unteren Ligadrittel anzusiedeln. Allerdings reden wir hier schon über höhere Verbindlichkeiten als in Iserlohn. Dort lagen sie bei 3,4 Millionen – hinzu kommt im Geschäftsjahr 2015/16 ein Fehlbetrag von 1,76 Millionen Euro. Das sind zwar sicher noch beherrschbare, aber nun auch keine berauschenden Zahlen. Aber, wer um die Diskussionen über Hallenmiete, Geldgeber und Verhältnis zum Stammverein weiß, hat hier einen weiteren Indikator, auf welch tönernen Füßen der KEV  steht.

Köln eigentlich überschuldet

Trotzdem wirken die Krefelder Zahlen wie Peanuts, schaut man nach Düsseldorf oder Köln. Bei den Haien führt die zwanghafte Jagd auf den neunten Meistertitel offenbar zu einem stetigen “all in”. Die Gesellschafter gehen ein hohes Risiko und nehmen anscheinend selbst stärkste Ausfälle in Kauf. Zumindest sind die Haie nach den uns vorliegenden Zahlen keine besonders gute Wertanlage. So haben sie zum 30.04.2016 Verbindlichkeiten in Höhe von 26 Millionen Euro, zusätzlich weist die angegebene Bilanz einen Fehlbetrag von fast 23 Millionen aus. Bei einem geschätzten Gesamtetat von jeweils um die elf Millionen für die vergangenen beiden Spielzeiten, fragt man sich, wie die Haie überhaupt noch existieren können. Bei einer bekannten Ratingfirma findet sich zu dem Club – nahezu zwangsläufig – ein interessanter Hinweis. Die Bilanz zum 30.04. weise eine “zahlenmäßige Überschuldung der Gesellschaft aus”, heißt es in dem uns vorliegenden Papier.

Warum die GmbH längst nicht in die Insolvenz hat gehen müssen, wird gleich mitgeliefert. Darlehensgewährungen über 24 Millionen Euro seien mit Rangrücktritt versehen. Vereinfacht heißt dies: Die Geldgeber der Haie wollen ihr Geld vorerst nicht zurück, verhindern so die Insolvenz und scheuen wahrscheinlich nicht mal den Ausfall der Gelder samt der daraus resultierenden Nachteile. Im Gegenteil: Die Kader der Kölner wurden und werden meistertauglich aufgerüstet. Auch in der anstehenden Spielzeit sind keine Zeichen sichtbar, signifikant sparen zu wollen. Der Ritt auf der Rasierklinge geht weiter – ohne verrückten Geldgeber könnten sich die Haie niemals selber tragen.

Hoher Anstieg der Verbindlichkeiten bei der DEG

Womit wir bei der Düsseldorfer EG sind. Die ist sportlich angesichts der “reicheren” Konkurrenz nun doch noch etwas vom Titel entfernt, hat in der Vergangenheit nur mit Stundungen durch die Stadt und erhöhten Geldspritzen der Gesellschafter-Brüder Peter und Stefan Hoberg überleben können. In den vorliegenden Jahresabschlüssen hat die DEG den größten Sprung bei den Verbindlichkeiten gemacht. Diese stiegen in der Spielzeit 15/16 um ungefähr fünf Millionen auf über 15 Millionen Euro, der Fehlbetrag erhöhte sich ebenso auf über 13 Millionen Euro. Zusätzlich schreibt die angesprochene Ratingfirma den Düsseldorfern zu, nur eine schwache Bonität zu besitzen. Somit sei eine Geschäftsbeziehung zur DEG Eishockey GmbH Ermessenssache. Auf gut Deutsch: ein Risiko.

Screenshot von den Jahresabschlüssen der DEG und der Haie
DEG und KEC im Überblick

Sicher sind diese Daten den Mühen geschuldet, den Verein in der DEL zu halten. Vor über einem Jahr stand die DEG finanziell am Abgrund. Die Gebrüder Hoberg mussten als Retter einspringen. Nach unseren Informationen haben die Hauptgesellschafter hohe Darlehen gewährt. Ein nicht ungewöhnlicher Vorgang, bereits 2012 hatte Peter Hoberg ein hohes sechsstelliges Darlehen mit dem bereits angesprochenen Rangrücktritt gewährt und die DEG GmbH  zum ersten Mal persönlich vor der Insolvenz bewahrt. Wie im Falle Kölns gibt es also die Möglichkeit, dass Geld an die Gönner zurückgezahlt werden muss.

Offene Rechnungen bei der Stadt und keine Großsponsoren

Hinzu kommt in Düsseldorf noch ein anderes Problem: Nicht nur gegenüber den privaten Gesellschaftern hat die DEG formal Außenstände; die Stadt hat ebenfalls noch die ein oder andere Rechnung offen. Die Stundung der Hallenmieten heißt ja nun einmal nicht Verzicht auf selbige. Damit sind wir beim strukturellen Defizit der DEG gegenüber den Haien. Anders als bei den Kölnern, wo aktuell ausschließlich private Gesellschafter ihr Geld einsetzen, stellt sich in Düsseldorf die Lage anders dar. Hier sitzt die Kommune als Besitzer des Eisstadions mit am Tisch, wenn es ums Geld geht. Ein finaler Erlass der Mieten müsste politisch gewollt sein. Es wäre ein Fall des Rathauses und des Rats, ob man so Millionen an Steuergeldern einfach so durch den Kamin zieht. Es ist absolut unsicher, ob die DEG nicht irgendwann doch noch eine unangenehme, unzahlbare Forderung erreicht, da Steuergeld für Profisportvereine politisch nicht mehr opportun wäre. (Was es de facto bereits nicht mehr ist.)

Als wären das nicht genug Herausforderungen, gibt es noch ein anderes Problem: Das schmale Sponsorenportfolio der Düsseldorfer. Aktuell zeichnet sich nicht ab, dass die DEG außer privaten Gönnern mal private Unternehmen an Land zieht, die mit hohen Summen den Verein unterstützen werden. Daran wird auch die jüngste Personalentscheidungen der GmbH schwer was ändern. Der Verein hat jemanden eingestellt, der sich hauptsächlich um Sponsorenakquise kümmern soll. Ein Job, an dem bisher sämtliche Geschäftsführer seit dem Ausstieg des Großsponsors Metro gescheitert sind. Ob er ausgerechnet dem Mann gelingt, der zuvor die Tour de France in Düsseldorf vermarkten sollte? Zur Erinnerung: Auch diese Veranstaltung war am Ende ein größerer finanzieller Verlust als zunächst gedacht.

Das toxische Wertpapier der Sportbranche

So bleibt das Eishockey ein Tanz auf dem Vulkan. Nur wenige Vereine können überhaupt davon reden, finanziell so zu arbeiten, dass sie keine allzu großen Verluste machen. Der Preis dafür ist allerdings die sportliche Wettbewerbsfähigkeit. Die Iserlohn Roosters sind ein Vorbild an Solidität – ohne jedoch eine Perspektive zu besitzen, auch tatsächlich und dauerhaft mal an ganz großen Titeln zu schnuppern. Wer – wie die DEG – allerdings zum Erfolg verdammt ist, um Sponsoren und Zuschauer bei Laune zu halten oder, wie die Kölner Haie, versucht um jeden Preis den Titel zu holen, muss ein Risiko gehen, das betriebswirtschaftlich eigentlich nicht zu verantworten ist. Und damit bleibt es dabei: Eishockey ist das toxische Wertpapier der Sportbranche. Lösungansätze für dieses Dilemma – wie Obergrenzen für Etats – findet man keine. Nur die leichte Hoffnung, das es irgendwie schon immer gut gegangen ist.

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