Das verlogene Experiment Hoffenheim

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Wir haben hier schon oft unsere Abneigung gegenüber der TSG Hoffenheim durchblicken lassen. Sie ist aus mehreren Gründen einer unserer Hass-Vereine. Die Fortuna hat es am Freitag nun in der Hand, die Bundesliga mit 1899-prozentiger Sicherheit von einem ihrer Grundübel zu befreien. Mit einem Sieg wäre die TSG so gut wie abgestiegen. Für unseren Gladbacher bei “Halbangst” wäre es das Ende einer sechsjährigen Leidenszeit, in der er “Hopps Menschenzoo” ertragen musste.

Für den SAP-Gründer, Milliardär und Sportmäzen Dietmar Hopp muss es eine Scheißsaison sein. Seine beiden Lieblingskinder zicken: Während die Adler Mannheim schon peinlich in den Eishockey-PlayOffs gescheitert sind, droht dem “Projekt” Hoffenheim der Absturz. Sollten die Fußballer wirklich absteigen, dann hätten die sportlichen Allmachtsphantasien des dünnhäutigen Hopps einen herben Dämpfer erhalten, um es euphemistisch auszudrücken. Dass niemand mit ihm leidet und zum Abschied ein lautes “Wie gut, dass Ihr weg seid!” hinterher gerufen wird, hat er selber zu verantworten. Nicht die gemeinen Traditionsvereine, nicht die gemeine DFL und erst recht nicht irgend ein Trainer haben Schuld. 

Vom “Ausbildungsclub”zum neureichen Großkotz

Der Ursprung meiner Abneigung gegen die TSG ist kein Produkt der jüngeren Geschichte, sondern er liegt in der Saison 2007/2008. Damals war Gladbach gerade in die zweiten Liga abgestiegen, die Hoffenheimer waren in selbige aufgestiegen. Mit jungen Spielern aus der Region wollten sie sich im Profifußball etablieren, strebten einen Mittelfeldrang an. Das klang auch in Ordnung, selbst wenn die Kohle vom Hopp schon damals dahinter steckte. Wir empfingen sie am zweiten Spieltag. Erstes Heimspiel der Saison.

Meine Borussia musste sich noch finden, die Form des Teams ließ keinen davon träumen, am Ende die Zweitliga-Meisterschaft “feiern” zu dürfen. Dass uns die TSG am Ende ebenfalls in die Bundesliga folgen sollte, war jedoch ein Akt, der noch größere Kreativität vom Beobachter verlangte. Wir spielten die junge Truppe nämlich an die Wand, wir drückten, hatten Chancen ohne Ende. Aber wir trafen nicht – am Ende stand ein 0:0. Wir waren enttäuscht. Gegen eine Mannschaft voller Grünschnäbel hatten wir Punkte gelassen.

Der noch entäuschtere Dietmar

Was vielen Gladbachern jedoch nicht klar war: Es gab jemanden, der noch unzufriedener war. Der allgegenwärtige Mäzen Hopp. Er fand seine Mannschaft offenbar etwas langweilig. Aber er hatte das Glück des “Tüchtigen”. Das Transferfenster war Mitte August noch offen. Die Schatulle wurde geöffnet. Für mehrere Millionen wurden Demba Ba und Carlos Eduardo geholt. Letzterer sogar noch bis heute der teuerste Spielertransfer in der Geschichte des Unterhauses. Wer damals schon skeptisch war, brauchte es nun nicht mehr zu sein. Wenn es eng werden würde, interessiert Hopp das mit der Ausbilderei nicht mehr. In der ersten Liga scheint für Narzissten nun mal die Sonne deutlich mehr.

Die Hoffenheimer arbeiteten sich vor, stiegen folglich als Zweiter auf. Ein gewisser Herr Obasi war ja inzwischen auch noch “zur Absicherung” geholt worden. Es folgte die Hinrunde 2008 im Oberhaus. Während meine Borussia nicht das Geld für teure Neuzugänge hatte und erwartbar gegen den Abstieg spielte, holte sich Hoffenheim die Herbstmeisterschaft. Der Kader von Hopps Gnaden gab es ja auch her. Die Weltpresse war entzückt, übersah jedoch in der ganzen Euphorie um diesen “frischen, frechen Nutella-Fußball” ein nicht ganz unwichtiges Detail: Die offensichtliche Wettbewerbsverzerrung durch den Verstoß gegen die 50+1-Regel. Oder will jemand ernsthaft behaupten, die TSG sei kein Club des Investors Hopp? Welchen Werbeeffekt für welches Unternehmen hat sein Engagement? Genau, für überhaupt keins. Es ist ein schlichtes Invest ohne Ertrag, die Beweggründe spielen da keine Rolle. Eigentlich verboten, aber der DFB spielte mit.

“Wenn wir wollen, kaufen wir Euch auf”

Klar, war das ganze für Traditionalisten schwer erträglich. Und entsprechend schossen jede Menge Fankurven mit ihrer Kritik über das Ziel hinaus. Eine Zielscheibe über dem Konterfei von Dietmar Hopp war in der Tat geschmacklos. Doch was jeder normale Mensch jemals über Deeskalation gehört hatte, in Hoffenheim hatten sie in diesen Lebensmomenten wohl geschwänzt. Gesänge wie “Wenn wir wollen, kaufen wir Euch auch” schürten das Ganze noch weiter. Diese Mitläufer in der TSG-Kurve hielten doch Dietmars Geld tatsächlich für ihr eigenes. Ihr Irrglaube war aber nicht von der Hand zu weisen. Der Sonnengott gab ja auch ein “gutes” Vorbild. Stammt aus dieser Zeit doch sein legendärer Sinnspruch über die Fortuna und die Tradition.*

Wer die Fanentwicklung bei den Hoffenheimer beobachtete, bekam also eine Ahnung, wie vieles nach Drehbuch schief gehen kann. Wenn einer einem was Großes verspricht und es augenscheinlich für kurze Zeit funktioniert, dann rennen immer noch einige mit. Hoffenheim ist auch ein Beispiel für den furchtbaren Herdentrieb des handelsüblichen Event-Menschen. 

Fiepen gegen Kritik

Damit jedoch nicht genug: Unvergessen ist auch die Tinitus-Attacke gegen die Dortmunder Fans. Mit Boxen vor dem Gästeblock sollten Schmähgesänge mittels Fiepen unterdrückt werden. Nach offiziellen Angaben hatte ein TSG-Mitarbeiter der unteren Ränge eigenverantwortlich gehandelt. Daran zweifele ich bis heute. Das Ding wurde gegen mehrere Vereine eingesetzt, die Dortmunder waren nur so klug, Strafanzeige zu stellen. Wenn dort einer auf eigene Faust gegen die Meinungsfreiheit der Gäste was hatte, dann zumindest also toleriert. Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass diese selbst gebastelte Beschallungsanlage niemanden im Verein aufgefallen war? Zumal die oft dünnhäutigen Auftritte Dietmar Hopps ja nahe legen, dass in Hoffenheim ein seltsames Demokratieverständnis herrscht.

Kaufhaus des Südwesten

Dabei hätte der Verein gut daran getan, Verstand und Energie ins Sportliche zu legen. Seit der Entlassung von Ralf Rangnick im Jahr 2011 herrscht Chaos. Der Verein ist verkommen zum Durchlauferhitzer für Spieler, die mal ein paar gute Partien für andere Clubs gemacht haben. Oder auch für die Spezies Fußballer, deren zu großes Ego im Alter noch einmal mit Kohle vergoldet werden muss. Ryan Babel und Tim Wiese sind nur zwei  Beispiele. Auch die Trainerauswahl hatte Groteskes. Über gespielte Weltläufigkeit(!) mit dem Hamburger Stanislawski, über den biederen Pezzaiuoli, bis hin zum dezenten Proll-Faktor mit Babbel und Kurz. Alles war dabei. Nur keine Nachhaltigkeit, die ein Ausbilderverein braucht.

Irgendwann musste dies also alles scheitern – ich gönne es ihnen von Herzen, abzusteigen. Das kann die Fortuna am Freitag zu einem großen Stück erledigen. Auch, um den Aktionismus mit der am Dienstag erfolgten Doppelentlassung von Trainer und Manager zu entlarven. Niemand braucht diesen Club – haut ihn weg. Womöglich hat das ja auch etwas Reinigendes. Bestenfalls geht sich Dietmar Hopp bei seinen reichen Investorenfreunden ausheulen, ein Invest in Deutschland lohne nicht. Vielleicht bewegt er dann Red-Bull-Chef Mateschitz zum Nachdenken. Schön wär’s.

*Viele Traditionsvereine sind längst verschwunden. Oder wollen wir jetzt Düsseldorf zurück in die Bundesliga holen?” (Dietmar Hopp, 2008)

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