„Das System schützt sich selbst“

bestSport ist ein knallhartes Geschäft. Das wissen wir nicht nur, wenn es um die Austragung von großen Sportereignissen geht. Korruption, Wettbetrug aber auch Doping haben inzwischen den Sport stark getroffen.

Dokumentarfilmer und Journalist Benjamin Best recherchiert seit Jahren über die Schattenwelt des Sports. Am 3. September ist seine Dokumentation „Dirty Games“ im Düsseldorfer Metropol-Kino in Bilk zu sehen. Best hat im Vorfeld mit uns über skrupellose Machenschaften, Bundesliga-Sponsoren und über die Ärmsten der Armen, die zu den großen Verlieren von glänzenden Spielen gehören, gesprochen.

Benjamin Best, die Fußball-EM in Frankreich ist etwas länger vorbei, Olympia in Brasilien hat den Vorhang zugemacht und jetzt startet die Fußball-Bundesliga nach einem langem Pokalwochenende wieder: Macht das Schauen dieser Sportveranstaltungen eigentlich noch Spaß?

Best: Teilweise und in den letzten Jahren immer weniger. Man muss sich diese Veranstaltungen differenziert anschauen. Die Olympischen Spiele in Brasilien bildeten, nach den FIFA-Skandalen in den letzten Jahren, einen neuen negativen Höhepunkt im Zusammenspiel zwischen Sportfunktionären und der Politik. Die Menschenrechtsverletzungen und der Umgang von IOC-Präsident Thomas Bach mit dem Thema Doping und der Whistleblowerin Stepanova waren aus meiner Sicht ein verheerendes Beispiel für fehlendes Verantwortungsbewusstsein und mangelnder Führungsqualitäten von Funktionären. Die Fußball-EM und die Bundesliga sind längst nicht so sportpolitisch im Fokus.

Warum?

Best: Aus meiner Sicht geht es immer weniger um den Sport und viel mehr um das Geschäft. Als Zuschauer und Sportfan komme ich mir ausgenutzt vor. Meine Eintrittsgelder und meine Gelder für Trikots werden gerne genommen, aber sonst bin ich eigentlich nicht erwünscht.

Wenn im Sport viel Geld fließt, sollte man doch davon ausgehen können, dass alle Beteiligten mit ihrem Gehalt und – im Erfolgsfall – Prämien zufrieden sind, stimmt das?

Best: Wir leben leider nicht in der perfekten und vor allem nicht in einer gerechten Welt. Das Geld im Sport konzentriert sich auf einen relativ kleinen Kreis. Bei Olympischen Spielen und der Fußball-WM vor allem auf das IOC und die FIFA. Im Profi-Fußball sprechen wir über eine handvoll Mannschaften, die wir wirklich jedes Jahr in der Champions League sehen. Es gibt sehr viele Vereine, die massive Schulden haben, die Gehälter nicht rechtzeitig zahlen können, die sich in Abhängigkeiten von Investoren begeben. Und dann wird sich auf andere Art und Weise bereichert.

Dirty Games Trailer von Benjamin Best Productions GmbH auf Vimeo.

Warum gibt es dann doch immer wieder Menschen, die der Versuchung nicht widerstehen können und manipulieren?

Best: Letztendlich will jeder etwas vom Kuchen haben. Und besonders im Sport scheint es viele Personen zu geben, die eine niedrige Hemmschwelle haben, was Betrug und Manipulation angeht.

Der gern zitierte ‚Kölsche Klüngel‘ ist nur eine kleine Nummer im Vergleich zu den Global Playern im Weltsport, wenn es um Korruption geht. Wie kann man sich das Netz der Korruption vorstellen?

Best: Das Netzwerk ist sehr verzweigt und es gehören sehr viele Player dazu: Funktionäre, Sportler, Trainer, Sponsoren, Medien und so weiter. Das Traurige ist, dass ganz am Ende der Fan steht, der sehr viel investiert – Geld, Emotionen und Leidenschaft. Und aus meiner Sicht werden die Zuschauer und Fans nur ausgenutzt.

Steht der Sport unter einem Generalverdacht – ist das alles nur Betrug?

Best: Was zum Beispiel die Vergabe von Sportveranstaltungen angeht, mit Sicherheit. Auch Top-Leistungen in Ausdauersportarten wie Schwimmen, Leichtathletik oder Radsport stehen sicherlich auch unter diesem Verdacht. Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Skepsis gegenüber Entscheidungen und Ergebnissen im Sport in den letzten Jahren sehr gewachsen ist.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Best: Das Konsequenteste wäre nicht mehr einschalten und hingehen. Aber das passiert nicht. So lange alle Verbände sich keinerlei Kontrollen von außen stellen müssen, wird sehr wenig passieren. Das System schützt sich selbst. Nur wenn sich zum Beispiel staatliche Ermittlungsbehörden einschalten, dann passiert etwas. Transparenz und Aufklärung sind allgemein im Sport nicht erwünscht, das hat die Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen.

Wie kann man sicher sein, dass hier und da nicht doch im großen Stil „geschummelt“ wird?

Best: Man kann sich nicht sicher sein. Dabei schaue ich nicht nur auf Ergebnisse im Sport. Was passiert zum Beispiel im Rahmen von Spielerverpflichtungen? Wie kam es zu TV-Verträgen? Betrug, Korruption und Manipulation gehören mittlerweile zum Sport wie jedes Tor, jeder Aufschlag oder jedes Foul. Darüber muss sich jeder im Klaren sein. Und das auf allen Ebenen.

Lesetipp aus dem Halbangst-Archiv: Visionär Hoeneß: Funktionäre zocken, Fans zahlen – wie die deutschen Vereine mit den Wettanbietern geltendes Recht brechen.

Du warst für deinen Dokumentarfilm „Dirty Games“ viel unterwegs: Was hat dich besonders überrascht?

Best: Die Skrupellosigkeit, mit der im Sport manipuliert wird. Und das selbst Menschenleben nicht viel zählen. Sport ist ein knallhartes Geschäft geworden.

Was war das Traurigste während der Arbeit?

Best: Die emotionalsten Momente waren sicherlich in Nepal, wo ich eine Familien getroffen habe, dessen Sohn als Gastarbeiter an der Infrastruktur der WM 2022 gearbeitet hat und – wie so viele Gastarbeiter –  gestorben ist. Wir waren bei der Ankunft des Sargs am Flughafen in Kathmandu bis zur Verbrennung des Körpers dabei.

Was waren die schönen Seiten der Recherchen?

Best: Positiv ist das Beispiel vom Fußballverein FC Manchester of United. Beeindruckend, dass die Fans es geschafft haben diesen Verein zu etablieren und jetzt sogar ein eigenes Stadion gebaut haben. Fans können doch einiges im Fußball bewegen.

Es geht um so viel Geld, egal, ob für Vereine, Spieler oder Verbände: Wie stark ist der Einfluss der sogenannten Wettmafia?

Best: Da vor allem im Sportwettenmarkt sehr viel Geld weltweit vorhanden und bewegt wird, ist die organisierte Kriminalität nicht weit. Es gibt Länder, wo es einen massiven Rückgang von Zuschauerzahlen in den letzten Jahren gab, da viele Spiele abgesprochen sind, auch um auf diese Spiele zu wetten.  

Wir betrachten in unserem Blog die beiden Fußball-Teams Fortuna Düsseldorf und Borussia Mönchengladbach, im Eishockey schauen wir auf die Düsseldorfer EG. Alle haben einen sogenannten Partner im Sponsoren-Pool, der in irgendeiner Form Wetten anbietet. Wie stark macht man sich als Profi-Team angreifbar bei den Ergebnissen.

Benst: Das Schwierigste ist aus meiner Sicht die Glaubwürdigkeit. Wie kann ich als Verein auf der einen Seite glaubhaft gegen Wettbetrug vorgehen und meinen Spielern und Funktionären sagen: „Ihr dürft nicht wetten!“. Aber auf der anderen Seite gehe ich lukrative Sponsoringverträge mit Wettanbietern ein? Das ist ein schwieriger Spagat, besonders bei der Aufklärung von jungen Nachwuchssportlern.

Was sollen Clubs mit Angeboten aus der Wettbranche machen, gerade wenn sie auf jeden Cent Sponsorengeld angewiesen sind?

Best: Sportwetten und Sportvereine passen auf den ersten Blick sehr gut zusammen. Letztendlich müssen das die Vereine entscheiden. Aktuell haben 15 von 18 Bundesligateams Wettanbieter als Partner. Wenn ich in der Marketingabteilung eines Clubs sitzen würde, dann würde ich mich erst mal um Sponsoren aus anderen Branchen bemühen.

Eine Fußball-WM wie in Katar und auch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro  oder die Tour de France mit Start in Düsseldorf bedeuten für die Orte immer viel Prestige. Wie stark verändert ein solcher Event die Region oder den Austragungsort?

Best: Sportgroßveranstaltungen bringen Ländern vor allem finanzielle Nachteile in Form von Schulden und Stadien, die im Anschluss nicht mehr gebraucht werden. Natürlich bekommt Düsseldorf durch die Tour de France etwas Aufmerksamkeit. Aber willst Du Dir einen Sport anschauen, wo Du Dir nicht sicher sein kannst, wie viel Teilnehmer das Rennen ohne Doping bestreiten? Ich nicht.

Das Interview führte Holger Beßlich (Foto: Benjamin Best/privat)

Best‘ Doku “Dirty Games – Das Geschäft mit dem Sport” hat zahlreiche Preise gewonnen. Neben der Auszeichnung “Bester Film” beim Snowdance Filmfestival 2016 und dem Star Doc Festival 2016 gab es für Benjamin Best die Ehrung “Beste Regie & Bester Schnitt” beim International Filmmaker Festival London 2016. Darüber hinaus erhielt der Film beim New York Festivals 2016 in verschiedenen Kategorien Preise in Silber und Bronze. Der Foto-Blog Fortuna-Brötchen holt den investigativen Filmemacher Best nach Düsseldorf. Karten bekommt ihr dort – oder auch im Metropol-Kino in Düsseldorf auf der Brunnenstraße.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*