Das Märchen vom Olympiastadion-Boom …

bökelVor dem Spiel der Gladbacher gegen die Bayern geistert es wieder durch die Medien: Die Vereine, in den 1970ern auf Augenhöhe, trennen heute “Welten”. Als Grund wird immer wieder die ominöse “Schenkung” des Olympiastadions an die Bayern genannt, die ab 1972 finanziell dadurch der Borussia enteilen konnten. Momentan zu finden ist diese Legende zum Beispiel in der NRZ, Süddeutschen Zeitung, sogar in der 11Freunde. Ist man als Gladbacher jedoch ehrlich, ist dies nur eine einfach gestrickte Ausrede, warum man vor der Ära Eberl/Favre abrutschte. Denn die Sache mit dem Stadion ist schlicht falsch. Die Gründe sind andere …

Zunächst klingt das Ganze auch heute noch plausibel. Bayern München und Borussia Mönchengladbach vertraten in den 70ern die Spiel-Systeme, mit denen Erfolg überhaupt möglich war. Zum einen der konzentrierte Aufbau mit guter Effizienz der Bayern (ziemlich deutsch) und das technisch Starke, rein auf überragende Offensivqualitäten basierende System der Gladbacher (ziemlich niederländisch). Beide einte zudem ein historischer Zufall, dass just zu dieser Zeit eine qualitativ brutal gute Spielergeneration in der jeweiligen Region entstanden war. (Laumen, Vogts, Heynckes, Netzer bei Gladbach – Beckenbauer, Müller, Schwarzenbeck, Maier bei den Bayern.) Im Grunde hätte beide in den frühen Jahren der Liga niemand so wirklich daran hindern können, schottische Verhältnisse in Deutschland zu zementieren. Celtic und die Rangers wären für Deutschland Bayern und die Borussia. In Gladbach, sagt man noch heute, wäre dies auch so gekommen,  hätte man der Borussia ein größeres Stadion geschenkt. In diesen Zeiten war es nämlich wichtig, viel Geld mit Eintrittskarten zu verdienen. Damals war das – bei vielen Kosten – die primäre Einnahmequelle der Vereine. So ist es dann schon ein Unterschied gewesen, wenn man eine Schüssel von 70.000 Plätzen hatte, während der andere mit 34.500 auskommen musste.

Niederige Zuschauerzahlen bei beiden …

Doch ist das wirklich so einfach? Um einen wirklich signifikanten Unterschied in den Einnahmen zu haben, hätten beide Stadion immer ausverkauft sein müssen. Also werfen wir zunächst mal einen Blick auf den Zuschauerschnitt der Jahre 1972 bis 1978. In der Spielzeit 1972/73 konnten beide Vereine froh sein, ihre Hütten halb voll zu bekommen. Bayern hatte einen Schnitt von rund 33.000 und Gladbach von etwa 14.000. Die Bayern waren damit Spitzenreiter der Liga. In den Jahren darauf stiegen, nachdem die negativen Folgen des Bundesligaskandals 1971 verblassten, die Zuschauerzahlen bei beiden Vereinen an und pendelten sich auf im Durchschnitt 36.000 in München und 23.000 in Gladbach ein. Ein Unterschied zwar, aber nicht so signifikant, dass die Bayern hier einen derart großen Batzen Geld hätten anhäufen können, um auf Jahrzehnte unschlagbar zu sein. Zumal die Gehaltsstruktur in München um ein Vielfaches höher war als die in Mönchengladbach. Außerdem: Wäre der Zuschauerschnitt in dieser Zeit das Fundament für Erfolg über Jahrzehnte gewesen, hätte der FC Schalke 04 zum heutigen Krösus mutieren müssen. Die Gelsenkirchener waren in dem 70ern stets die Nummer 1 der Zuschauerrangliste – wenn sie in der ersten Liga spielten.

Um die These vollends zu widerlegen, dass mit dem Olympiastadion der schlussendlich entscheidende Unterschied zwischen den Klubs auftrat, muss man den Blick auf die finanzielle Situation der Bayern am Ende des “goldenen Jahrzehnts” werfen. Wer den Film ‘Profis’ gesehen hat, der eine Spielzeit nach einer Katastrophensaison der Bayern im Jahr 1977/78 begleitet, weiß, das der Münchener Verein in finanziellen Schwierigkeiten steckte. In Sachen Liquidität waren die Bayern damals den Gladbachern sogar unterlegen. Und trotzdem bildeten sich ab den 80ern die Bayern aus, die heute die Liga dominieren. Was sind also die wirklichen Faktoren, dass die Borussia nicht mit dieser Entwicklung Schritt halten konnte?

Uli Hoeneß hängt die Liga ab

Zunächst ist es ganz einfach: die Bayern machten in ihrer schwierigsten Phase eine richtige Personalentscheidung: Der junge Uli Hoeneß wurde 1979 zum Manager befördert. Dadurch entdeckte der deutsche Profifußball vollends die Möglichkeiten der Vermarktung. Erstmals wurde mit den Jahren ein Verein mehr wie ein Unternehmen geführt als ein eingetragener Verein samt Vereinsmeierei. Kommt in einem solchen Zustand ein potenteres Werbeumfeld dazu, wie es München als Stadt sicher eher hat, als Mönchengladbach, festigt dies die ohnehin starke Position.

Doch auch in Gladbach hätte man diesen Weg gehen können. Aber gerade in den späten 70gern und gerade in den 80gern wurden jedoch von nahezu sämtlichen Protagonisten die falschen Entscheidungen getroffen. Dazu gehört auch ausdrücklich der in Mönchengladbach sakrosankte “Jahrhundert-Manager” Helmut Grashoff! Die Erkenntnis tut in erster Linie weh und mag für manchen eine Respektlosigkeit darstellen. Aber eine objektive Betrachtung, warum die Borussia den Anschluss an die Spitze verlor, schließt auch Grashoff mit ein. Zwar ist sein Konzept ehrenwert gewesen, auf Schulden zu verzichten. Doch Sport ist nun mal auch mit gewissem Risiko verbunden. Da Grashoff jedoch Schulden scheute, hätte er spätestens zum Ende der 70er andere Wege finden müssen, um Geld zu erwirtschaften.

Netzer baut statt Gladbach den mondänen HSV auf

Zu dieser Zeit nämlich waren es nicht nur die Bayern, die das Geschäft mit dem Fußball entdeckten. Zu nennen ist auch der Hamburger SV, der unter dem Manager Günter Netzer die Erträge durch Show zu nutzen wusste. Während in Gladbach noch auf Mannschaftsabenden zünftig Skat gespielt wurde, rockte Kevin Keegan die Rothenbaumchausee in Hamburg. Zwar steckte Marketing insgesamt noch in den Kinderschuhen, aber zweifelsohne: In Gladbach war das Kind noch gar nicht geboren. Während sich in Hamburg und München nationale Marken entwickelten, setzte man in Gladbach auf das Image des netten Kleinstadtvereins.

Und traf wieder eine falsche Entscheidung. Denn längst war die Borussia eine internationale Hausnummer, also zwei Ebenen höher als man selber dachte. Hätte der Verein in dieser Zeit in nahezu allen Sportgeschäften des Landes Schals, Wimpel oder Mützen verkauft, was hätte man an Geld verdienen können?! Selbst wenn es damals noch nicht genügend Ideen beim Merchandising gab, die paar Standardartikel hätte man bundesweit anbieten können. Außerdem hätte das Selbstverständnis eines internationalen Großclubs eine ganz andere Position gegenüber der städtischen Politik ergeben. Die Stadt erhöhte dem Verein nämlich mit zunehmenden Erfolg dem einzigen Werbeträger der niederrheinischen Langeweile die Stadionmiete. Statt über noch mehr Erfolg noch mehr Touristen anzulocken, wurde der Club von einer damals sehr verklüngelten, konservativen Politik geschröpft. Diese hatte nämlich den Strukturwandel weg von der Textilindustrie noch größer verwachst als das Ruhrgebiet die Nummer mit der Steinkohle und griff mittels der höheren Stadionmiete zu kleingeistigen Maßnahmen, schnell an Geld zu kommen. Ein selbstbewusster Verein, der den Stadtgrößen aufgezeigt hätte, wie eine strukturstarke Borussia Jobs schaffen kann, hätte sicherlich große Erleichterungen erzwingen können, die weitere Titel ermöglicht hätten. Am Ende hätten Verein wie Stadt profitiert. Doch das alles war Grashoffs Sache nicht. Auch der Rest des Vorstands war mehr Teil der politischen Probleme in der Stadt als deren Lösung. Aus “think Big” wurde “thing small”.

Rolf Rüssmanns gute Ideen und die Großmannssucht

So kam es dann Ende der 80er zum Knall. Grashoff ging ziemlich betrübt, ein gewisser Rolf Rüssmann kam. Dieser hatte die Probleme erkannt, die eine schlechte Vermarktung bei Fans und Sponsoren verursachten. Auch scheute der neue Manager das finanzielle Risiko nicht, was zunächst Erfolge brachte. Ohne die sicherlich zunächst gefährliche Verpflichtung eines Stefan Effenbergs hätte es den Pokalsieg 1995 nicht gegeben. Doch Rüssmann hatte ein Problem. Er kannte im Gegensatz zu Uli Hoeneß nicht die Grenzen. Rüssmann sprengte das Gehaltsgefüge des Kaders, zahlte Spielern wie Marcel Witeczek ein Millionengehalt, selbst wenn diese eigentlich weniger raushandeln wollten. Ließ zudem der Mannschaft durchgehen, dass sie 1995/96 den Titel verspielte, weil man die Sache locker anging. In dieser Saison war mit dem heutigen Blick der vierte Platz schlicht zu wenig! Außerdem plante er krampfhaft einen Stadionumbau am Bökelberg oder großkotzige Neubauten in der Peripherie. Wäre nur eines dieser Projekte realisiert worden, der Verein wäre entweder von den Anwohnern am Bökelberg auf Jahre lahm gelegt worden oder hoffnungslos überschuldet.

Insofern waren es auch hier, in einer Zeit, in der man hätte aufholen können, die falschen Entscheidungen, die die Borussia zurückwarfen. Statt Wiederkehr in die internationale Spitze stand am Ende der 90er der Abstieg und die Beinahe-Pleite, die nur durch den Transfer eines Sebastian Deislers zu Hertha BSC verhindert wurde. Schaut man dann auf die Zeit im neuen Jahrtausend kann man eigentlich festhalten, dass die Kontinuität der Fehlentscheidungen eingehalten wurde. Zwar hatte der Verein ab 2004 ein neues, preisgünstiges Stadion und eine solide finanzielle Grundlage. Aber man vergaß die sportlichen Qualitäten mitzunehmen. Statt im Kader eine Balance aus guten Transfers gepaart mit hochwertigen Jugendspielern zu finden, wurden bis zum nächsten Abstieg wieder Gelder verschleudert. Man verschuldete sich zwar nicht an den Insuas, Hellwegs, Kahes, Sonks und Elbers dieser Welt, aber man baute eine Söldnertruppe auf. Ein Konzept war hier nicht zu erkennen.

Eberl macht den Niederrhein-Hoeneß

Was nach dem letzten Aufstieg folgte, ist allseits bekannt. Die Demut zog ein. Man rettete sich in der Regel mehr schlecht als recht vor weiteren Abstiegen. Baute aber nebenher – zumindest seit Max Eberl als Sportdirektor wirkt – junge Spieler langfristig ein und auf. Und spätestens mit Lucien Favre stimmt auch das sportliche Konzept und die spielerisch, taktische Qualität. Hinzu kommt das in der Bundesliga fast einmalige Prinzip der brutalen Eigenvermarktung. Borussia hat endlich entdeckt, dass die Entwicklung eigener Marken und Produkte mehr Geld in die Tasche bringt, solange man zuvor eine ordentliche Marktanalyse durchführt. Die Borussia kennt inzwischen ihre Zielgruppe – Fans sind auch Kunden – perfekt. Helmut Grashoff, würde er noch leben, würde sofort wissen, was er zu seiner Zeit falsch gemacht hat. War doch seine einzige wirklich innovative Erfindung das Maskottchen “Bumsi”, das noch heute jede Peinlichkeit des Grotifanten in den Schatten stellt. Heute  gibt es ein vereinseigenes Stadion, ein selbst entwickeltes “Borussen-Eis”, Eigenmarken bei den Vereins-Klamotten für Fans, und, und, und … Zudem hat man die Balance aus regionalen und überregionalen Sponsoren gefunden.

Unterm Strich bleibt nur zu sagen: Wer sich damit rausredet, dass die Bayern nur wegen des Olympiastadions enteilten, macht es sich zu einfach. Wer auf die Geschichte der Borussia schaut, bekommt noch mehr Respekt vor der Münchener Leistung. Hier wurden mehrheitlich richtige, wenn auch nicht immer beliebte, Entscheidungen getroffen. Was man damit erreichen kann, sieht man nun auch in Gladbach. Seit vier Jahren handelt der Verein auf sämtlichen Ebenen richtig und ist langfristig vielleicht wirklich der zweite, unumstoßbare Verein in Deutschland. Die Anfänge sind zumindest gemacht – und ist man ehrlich: Derzeit hat kein Verein mehr Berechtigtung auf den zweiten Tabellenplatz als die Borussia. (cu)

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