Das ist nicht meine Nationalmannschaft

LaOla-Welle der Nationalspieler des DFB vor den Kurve
LaOla-Welle der Nationalspieler des DFB vor den Kurve
Jubel nach dem 1:0 gegen Belgien

Ehrlich gesagt hab ich als Gladbacher lange nicht mehr so bei einem Länderspiel gejubelt wie Marc Andre ter Stegen den Elfmeter von Messi gefangen hatte. Aber das war es dann auch mit der Herrlichkeit. Das gestrige Spiel (15.08.2012) ist für mich das vorläufige Ende meiner Begeisterung für die Nationalelf. Und nicht, weil ich über die sportlichen Ergebnisse enttäuscht bin oder gar über die fehlenden Titel. Nein, weil mir das ganze Drumherum inzwischen einfach nur noch auf den Kecks geht und die Regentschaft der Herren Löw und Bierhoff zu einem unerträglichen Kommerzfußball geführt hat.

Es fing schleichend an: Nach dem EM-Finale in Wien. Michael Ballack ging Oliver Bierhof an die Wäsche. Was war passiert? Der Kapitän der Nationalelf wollte nach der Niederlage gegen Spanien einfach nur auf dem Platz kauern. Egal ob aus Wut, Enttäuschung, Verzweiflung oder Weltschmerz. Jede dieser Emotionen wäre nachvollziehbar gewesen. Aber nicht für „Drei-Wetter-Taft“-Bierhoff. Dieser ging damals auf den Spielführer zu und forderte ihn auf, sich artig von den Fans zu verabschieden. Wahrscheinlich noch mit dem dämlichen von Coca-Cola gesponserten „Danke Fans“-Plakat. Da riss Ballack die Hutschnur. Als ich die Hintergründe las, hatte ich volles Verständnis für den damaligen Chelsea-Spieler. Auch wenn ich ihn als Persönlichkeit nie sympathisch fand.

Es war das Vorspiel zur Totalvermarktung der DFB-Elf. Des Exzorzismus gegen jedweden Individualismus im Team, das Abschleifen aller Ecken und Kanten hatte begonnen. Ballack hatte sich zum Abschuss vorbereitet. Hätte Kevin-Prince Boateng 2010 nicht zugelangt, wer weiß ob Ballack überhaupt nominiert gewesen wäre. Was mit Oliver Kahn gegangen ist, wäre wohl auch mit Ballack kein Problem gewesen. Aber das brauchte es ja nicht mehr. Die WM 2010 konnte mit einer frischen Truppe angegangen werden. Und alles was cool aussah wurde auch registriert. Vom Trainerteam, vom Totalvermarkter Bierhoff und leider auch den Medien. Ich habe seit 2008 jenseits von Frings und Ballack kein kritisches Spielerinterview mehr gelesen oder gehört. Ja klar, Fipsi Lahm hat ein böses Buch geschrieben. Aber die – mit Verlaub harmlose – Kritik traf ja den ewig nervenden Völler und die komischen Gestalten vom FC Bayern. Der CVJM rund um Löw war nicht betroffen. Wieso auch? Während nämlich die Vereine alles gaben, die Spieler in den Nachwuchszentren mündig zu machen, ihnen das Leben auch mal zu erklären (So die Anforderung in der Lizenzierung), kommt einem bei der DFB-Elf das Gefühl: So lange du unseren Weg gehst, nehmen wir dir alles ab. Deshalb fahren wahrscheinlich Spieler wie Podolski und Schweinsteiger gerne da hin. Bei der DFB-Elf wirkt das Leben einfacher. Und im Zweifel äußert sich die Teamleitung für einen.

Wie bei den Pressekonferenzen während der EM. Sorry, lieber DFB: Ich will nicht über die hervorragende Partnerschaft zu Mercedes, Bitburger oder sonstigen Artikeln reden. Ich will auch mal kritisch nachfragen dürfen. Im politischen Journalismus würde sich derartiges Gebaren noch nicht einmal die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft trauen. Aber im Fußball ist das ja anders. Wo der Fan berichtet!

Und gestern dann der vorläufige Höhepunkt: Drei Gegentore sind schlecht, die mangelnde Fähigkeit zur taktischen Varianz nach einer Roten Karte ist schlimm und das kuriose Spiel Schön zu reden ist noch übler. Wenn dann auch noch Oliver Kahn der einzige ist, der keine Angst vor einer Wutrede des Bundestrainers hat, und man dem ZDF-“Experten” auch noch recht geben muss, dann stimmt was nicht. Und wenn Oliver Bierhoff dann noch angeschmiert wie eine kleiner beleidigter Marketing-Angestellter redet, dessen Werbethema nicht den Weg in den redaktionellen Teil geschafft hat, dann verabschiede ich mich. Selbst mein Club in Mönchengladbach hat sich in der schlimmsten Königs-Zeit nicht so aufgespielt. Er weiß auch warum. Nein, dass ist nicht meine Nationalmannschaft. Dass ist die der Jubelperser, von denen gestern genug in der Arena mit dem passenden Namen am richtigen Ort waren – der Commerzbank-Arena zu Frankfurt.

1 Trackback / Pingback

  1. Zwischenruf: Seltsame Nationalmannschaftskritik – Halbangst Blog

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*