Das ewige Jammertal im Flachland

Zu Beginn: Ja, ich bin in Mönchengladbach gerne aufgewachsen. Ja, ich lebe trotzdem mit Freude seit fast 18 Jahren im Raum Düsseldorf. Ja, ich bin gerne Fan von Borussia Mönchengladbach und labe mich auch gerne mal am Scheitern Düsseldorfs, gerade wenn die Landeshauptstadt dabei mal wieder besonders größenwahnsinnig gewesen ist.

All das ist irgendwie in Ordnung, aber was mich – nicht erst seit der gescheiterten EM-Bewerbung – traurig macht, ist die Entwicklung Mönchengladbachs. Auch wenn ich mit den kommenden Zeilen Gefahr laufe, Hausverbot in der Heimat zu bekommen: Ich muss meinem Frust einfach mal Luft lassen.

Ich bin mit so ein paar Sachen aufgewachsen, die Gladbach immer besonders gemacht haben sollen. Da ist die Sache mit der Nähe zu den Niederlanden. Das ist gefühltes Europa – Einkaufen in Roermond und Venlo ist Bürgerpflicht und sehr angenehm. Die Stadt hat zwei Hauptbahnhöfe. So viele, wie keine andere Metropole. Man hat zwei Einkaufszentren, eine sehr grüne Innenstadt. Intellektuelles Mana bietet Hans Jonas, die Clubszene galt zur Jahrtausendwende als kreativ und innovativ. Und: Über allem thront die Borussia, die auch heute noch ein größerer, professionellerer Club ist, als Fortuna und der 1.FC Köln je sein könnten.

Gut, jenseit der Borussia ist nicht viel von dem Glanz geblieben, mit dem nicht auch andere Großstädte dienen können. Und die Sache mit den zwei Hauptbahnhöfen? Bielefeld, Bochum, Hamm oder Wolfsburg haben in der Tat nur einen. Aber da halten sogar Intercitys. In MG-Actiontown, wie wir Eingeborenen sagen, hat es das maximal am Wochenende gegeben. Wo wir übrigens bei den Bahnhöfen sind: Im Rheydter war da mal ein schönes Kino drin. Jetzt steht der Bau leer und das gesamte Areal gegenüber einer Polizeiwache stinkt nach Urin. Selbst die Bahnhofskneipe wollte irgendwann nicht mehr im Bahnhof residieren und ist jetzt woanders.

Das Pendant in Mönchengladbach ist nicht minder schlecht dran. Immer schon war der Bahnhof dunkel und schlimm. Gut, dass liegt an der Bahn, die nicht sanieren will. Aber an der Kommunalpolitik liegt es, wenn der Vorplatz in den vergangenen 50 Jahren zwei Mal komplett neu gestaltet wurde, und in beiden Fällen aussah wie die Top-Ten der Architekturverbrechen.

Lässliche Sünden, könnte man meinen. Aber es hat System, es ist immer dasselbe Kreuz. Als Mönchengladbach in den 70ern mit Rheydt zusammengeschlossen wurde, waren die Rheydter so beleidigt, dass sie auf ihrem Gebiet die Straßenbahnschienen, als eine der letzten autarken Entscheidungen, entfernen ließen. Statt diesen Fehler zu revidieren, fügte man sich und entfernte die Schienen im ganzen Bereich des neuen Groß-Gladbacher-Reiches. Eine Entscheidung, die den Betrofffenen jetzt – fast 50 Jahre später – bei der EM-Bewerbung auf die Füße fiel. Die infrastrukturellen Aussagen des DFB zu den Angaben aus MG waren höflich und trotzdem vernichtend.

Als 2004 der Verein sein neues Stadion eröffnete, hatte der Club die Stadt darum gebeten, die Hinweisschilder in der Stadt mit “Borussia-Park” zu beschriften. Ein noch heute aktives Präsidiumsmitglied erzählte mir damals, dass die Stadt selbst dieser rudimentären Bitte nicht nachgekommen war, und stattdessen “Nordpark” auf die Schilder klebte – das Gelände auf dem das Stadion zwar liegt, dessen Bezeichnung aber selbst Ureinwohnern eher fremd war und ist. Der Verein zahlte hier und da die Änderungen. Aber so ganz “Privat vor Staat” wollte man dann nicht spielen. Noch heute zieren Hinweise die Stadt, die Außenstehende nicht mit dem Stadion in Verbindung bringen.

Aber gehen wir weg von Sport und Verkehr, schauen wir in die Stadt. In ganz Deutschland hat sich inzwischen rumgesprochen, dass eine zu große Mall im Innenstadtbereich alles platt machen kann. Außer, natürlich, in diesem südniederrheinischen Loch. Da bauen sie sich mal eben so das Minto – ein Konsumtempel vom feinsten – monolithisch ins Zentrum (das auch die einzige größere Straße der Stadt ist, die ein Gefälle hat.) Der Preis: Drumherum, je weiter man sich entfernt (also so 500 Meter), sterben die Läden, herrscht in einem eh schon schwierigen Marktumfeld der Leerstand.

Kritisiert hat es kaum einer. Die örtliche Zeitung vermischt beim Minto gerne noch redaktionellen Teil mit Anzeigen; Leute, die von Beginn an kritisch etwas angemerkt haben, wurden von der eigenen Familie mit dem bekannten “Nestbeschmutzer-Besser-Düsseldorfer-Blick” angeschaut. Es sind die selben Menschen, die mir heute erzählen, wie Scheiße das alles mit dem Minto inzwischen ist und jetzt gegen einen Supermarkt wettern, der auf einer Brachfläche im eigenen Stadtteil gebaut werden soll. So von wegen Verkehrsprobleme. Als sollte man nich froh sein, überhaupt Verkehr zu haben.  

Das Schlimme an all dem: Ich könnte mich freuen, Recht gehabt zu haben, der Stadt den Rücken gekehrt zu haben. Aber eigentlich betrübt es mich, mehr als ich manchmal eingestehen will. Während um Mönchengladbach die Region erblüht und Kempen, Schwalm-Nette, Teile Limburgs einfach nur Orte mit hoher Qualität sind, ist Gladbach Ödnis. Meine Heimat, der Ort, an dem es mal viel zu erleben gab, ist ein Stück trauriges Grau mit einem überragenden Fußballverein: Nur der kaschiert halt nicht mehr alles. Erst recht nicht, wenn man ein peinliches Musical über ihn macht und es “Kultur” nennt.

Eigentlich hat der DFB mit seinem panisch transparenten Verfahren Mönchengladbach deshalb einen Gefallen getan. Der Verband hat der Stadt mitten ins Gesicht gesagt, wie schlimm es um sie steht. Sie ist eine provinzielle, kleingeistige, belanglose Erscheinung, wo sie eigentlich eine coole Großstadt in der Grenzregion sein könnte. Wenn sich nicht bald die Erkenntnis durchsetzt, vieles, wenn nicht alles zu hinterfragen, wird sie als Stadt eine noch tristere Zukunft haben. Äußerungen wie des Borussen-Vize-Präsidenten Bohnhof, er sei stocksauer auf den DFB, zeugen allerdings nicht von Einsicht. Leider.

Disclaimer: Die Worte sind hart, vielleicht auch ungerecht und gemein gegenüber meiner Heimat. Viele werden sicher beleidigt sein. Aber vielleicht rüttelt es den ein oder anderen auch wach. Und ja: Die Konzerte im Hockeystadion sind oft genug geil….

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