Das Bobby-Symptom

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Bye, bye Bobby

Es gibt nur selten sportliche Momente, in denen einem sofort klar wird, dass diese ab sofort auf ewig und unverzüglich gelten. Zu solchen gehört das Tor von Igor de Camargo in der 92.Minute für Borussia Mönchengladbach im Relegationshinspiel gegen Bochum. Selbst der epische Doppelpass zum Ausgleich von Marco Reus im Rückspiel mit eben jenem von Bestsellerautoren besungenen “IdC” konnte nicht epischer sein, als dieses erste Tor gegen Bochum, auch wenn das zweite entscheidender war, als das Ding im Hinspiel.

Jeder Fan hat solche Momente, die an einen bestimmten Spieler gekoppelt sind. Für die moderne Generation der über Jahre im Köln-Düsseldorfer-Gladbach-Dreieck gebeutelten Fortuna-Fans ist es Andreas “Lumpi” Lambertz, der einem Halt, eine Konstante in den Mythen und Erzählungen des eigenen Fan-Lebens bot. Gladbach und Köln stehen über der Fortuna? Egal! Wir haben Lumpi!

Ich habe als Fan lernen müssen, dass dies ein USP, ein Unique Selling Point, auf ewig ist. Ein Spieler, den wir alle nie als geborenes Talent bezeichnen würden, gibt sich die Ehre und schießt für EINEN Verein in VIER verschiedenen Ligen ein Tor. Und haut in Liga Eins sein Premierentor ausgerechnet gegen den Buffon der Neuzeit, Manuel Neuer, rein! Auch das ist episch. (Ich entschuldige mich hiermit bei denen, gegenüber ich diese Tor nie wirklich gewürdigt habe!)

Im Angesicht solcher Leistungen einen Bobby Goepfert in dieser Riege zu nennen wirkt irgendwo wie Frevel! Aber dem ist nicht so: Warum? Weil Bobby nicht für eine Situation, für ein Momentum steht. Gut, er hat einst in 65 Minuten Spielzeit fast so viele Schüsse gehalten wie der unvergessene Robert Müller in fast der doppelten Zeit. Aber der Torwart der Düsseldorfer EG hatte in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils den Torwart des Jahres gegen sich. Was er auch in den “erfolgreichen” Jahren nach dem Metro-Ausstige machte, es mündete in der Verletzung und im „Boost“ eines anderen Keepers.

Tyler Beskorowany oder Matias Niederberger – ob sie beide Keeper des Jahres geworden wären, hätte es einen fitten Bobby gegeben? Wir werden es nie erfahren. Aber eines wissen wir mit Sicherheit: als 2012 die Metro ausstieg, kein Geld mehr da war, die Toten Hosen aus Mitleid die Uraufführung von “Tage wie diese” im wahrscheinlich letzten Playoff-Auftritt veranlassten, gab es nur einen Spieler, der sagte: “Ich mach weiter, no doubt about it!” Es war Bobby, der sofort einen neuen Vertrag beim “Schrott” der Liga unterschrieb, und sich somit freiwillig dieses Himmelfahrtskommando gab.

In diesen Jahren am Tabellenende, waren sein Lachen, seine Tänze nach den raren Siegen, seine Taten auf der Linie, im Stich gelassenen von überforderten Verteidigern, Eisbrecher für jemand sehr wichtiges in meinem Leben. Fortan kaufte „sie“ sich Goepfert-Trikot um Goepfert-Trikot. Sie war zwar traurig, als Beskorowany ging, aber nicht so sehr, wie man glaubt. Bobby war halt noch da.

Auch die zwischenzeitliche Sorge, ob Niederberger bleiben würde, beunruhigte „sie“ zunächst nicht, es gab ja noch Bobby. Im Grunde war Bobby immer das versprechen: Solange er da ist, steht ihre Idee davon im Kader, warum sie zum Eishockey geht.

Und dann kam die Abschlussparty der DEG nach der Saison 2015/16 und Bobby wurde verabschiedet. Er bekommt keinen Vertrag mehr. Was sportlich logisch ist. Aber in dem Moment als er die Bühne zur Verabschiedung vor den treuen Fans betrat wurde deutlich: Bobby ist kein besonderer Spieler, sondern er steht für Größeres. Er ist ein Symptom für die schlimmste Zeit des Clubs, in der er zusammengerückt ist, wie wahrscheinlich noch nie in seiner Geschichte.

Und alle, die um diese Zeiten wissen, standen nun auf der Abschlussparty im tiefsten Flingern, dem Herzen des anderen Clubs der Stadt. Sie waren alle da, um den Ersten unter Ihnen zu verabschieben. Mag natürlich sein, dass es sportlich bessere Spieler in der DEG-Geschichte gegeben hat und geben wird. Aber selten war und wird ein Abschied emotionaler ausfallen. Zumindest fühlte es sich so an, nachdem wir dann in einer Kneipe unweit des Veranstaltungsortes saßen und der Song “Everlasting Love” von Sandra lief. Während einige der anwesenden DEG-Fans damit ganz in ihrer Zeit waren, war ich am Ende nur noch dankbar: Hätte es Bobby nicht gegeben, hätten viele von uns längst aufgegeben, ich würde mit ihr hier nicht sitzen. Die DEG hätte niemals so wiederkommen können wie sie es geschafft hat. Und ohne Bobby, wäre sie auch nicht da geblieben. Insofern – so kitschig das klingt – Bobby wird immer eine „Everlasting Love“ sein. Ohne die übrigens ich meine nicht hätte.

P.S.: Sag doch einfach „JA“ und mach Dir nicht so ‘nen Kopf!

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