Warum sich (Traditions-)Vereine immer selber hinrichten

Jürgen Klopp und Bruno Labbadia stehen nebeneinander
Labbadia und Klopp
Jürgen Klopp und Bruno Labbadia stehen nebeneinander
Labbadia und Klopp

Die abgelaufene Woche war ein Lehrstück für eine der interessantesten Thesen des Profifußballs. Diese besagt, dass Investorenclubs zwar schlecht sind, sie aber Traditionsclubs nur bedingt verdrängen. Im Grunde kennt der Niedergang der Etablierten immer nur einen Schuldigen: Den betreffenden Verein selber. Soweit die Theorie, der sich seit Jahrzehnten nur der FC Bayern beharrlich entzieht. Aber sonst?

Da ist zum Beispiel der Hamburger SV. Der Verein kommt seit Jahren nicht zur Ruhe. Aufgeblähte Aufsichtsräte, krude Investorenmodelle und ein „Hire and Fire“ der ganz besonderen Sorte. Man sollte also meinen, dass der Verein nach der Relegationsrunde in der vergangenen Spielzeit in dieser Saison die ultimativen Lehren zur Konsolidierung hätte ziehen müssen. Aber statt einer neuen Struktur und Ruhe wurde weitergewurschtelt. Zum Ende der Serie 14/15 gibt es fast nur noch einen Ausweg, zumindest mittelfristig, sich von der jüngeren Vergangenheit befreien zu können: Der Club muss raus aus der Liga; ein Neuanfang durch Abstieg mit neuem Personal muss her. Ein Modell, dass gerade für einen Club dieser Größe Chancen hätte. Teure Spielerverträge wären wahrscheinlich ungültig oder wird man los, indem man die Spieler verkauft. Der Kaderetat sinkt mit einem Male, die finanzielle Last nimmt erst einmal ab. So blöd es klingt: Für den HSV sind Jahre im Bundesliga-Abstiegskampf mit einem Kader der Preisklasse „International Ansprüche“ teurer als eine halbwegs erstklassige und ausbaufähige Mannschaft in der Zweiten Bundesliga. Hätte man das für sich akzeptiert, hätte man auch auf der Trainerposition experimentieren können, einen vielleicht unverbrauchten Mann nehmen können.

Schöner absteigen mit dem „Schönen Bruno“

Doch was macht der Club? Er verpflichtet als sogenannten “Endspurtimpuls” (nicht zu verwechseln mit Endzeitimpuls) sofort Bruno Labbadia und gibt ihm einen Vertrag für die kommende Spielzeit – egal in welcher Liga der HSV dann spielt. Soviel zur Kreativität in Hamburg. Davon scheint es dort wenig zu geben, viel eher eine sehr, sehr destruktive Ader, einen ehemaligen Landesmeister-Cup-Sieger zu zerstören. Bruno Labbadia zu verpflichten ist derartig kühn, angesichts der Gerüchte, wegen derer unter anderem sein erstes Engagement als HSV-Trainer worden sein soll. Eigentlich ist Labbadia in Hamburg verbrannt. Aber das schert inzwischen im Umfeld des Clubs offenbar kaum einen mehr. Statt Aufbaumentalität herrscht Destruktivismus erster Güte.

Der HSV könnte also das nächste Opfer auf der Liste der selbstverschuldeten Abstürze sein. Auf ebenjener steht auch der VfB Stuttgart, dem ebenfalls ein zu teurer Kader einst das Genick brach und einen langsamen, schleichenden Absturz einläutete. Nicht erst seit dieser Saison fragt man sich, wie lange das bei den Schwaben noch gut geht? Hamburg und Stuttgart – sollten beide absteigen, sind sie die dringenden Warnung an zwei andere Vereine, wie schnell es nach unten gehen kann. Ob man die Signale in Dortmund und auf Schalke verstehen wird?

Der BvB steht am Scheideweg

Hier bahnen sich nämlich die nächsten Kandidaten an, sportlich an Bedeutung zu verlieren. Bei Dortmund ist der Fall sehr einfach gelagert: Vielleicht ist Trainer Jürgen Klopp eine Saison zu spät ausgestiegen. Der Absturz 2014/2015 ist derart immens, dass man es nicht nur mit falschem Coaching erklären kann. Auch die Kaderzusammenstellung hatte sich in den vergangenen beiden Jahren vom Trainer emanzipert. Zu unglaubwürdig erscheint, dass Klopp Stürmetypen wie Adrian Ramos oder Ciro Immobile wirklich bevorzugt. Zwar vermochte es Klopp, stets ein aggressives, flexibles und ballsicheres System mit Stoßstürmer spielen zu lassen (darin unterscheidet er sich massiv von Lucien Favre in Mönchengladbach), aber die Lewandowski-Nachfolger hatten schon von Beginn an eigentlich keinen Platz in dieser Mannschaft. Sie waren schlicht andere Fußballer als der heutige Bayern-Spieler. Insofern hat Klopp schon recht, wenn er sagt, dass die Basis in Dortmund gut ist. Halt nur nicht mehr für ihn selber. Und auch nicht für jeden Trainer. Ein Hierach wie Thomas Tuchel wird in Dortmund sicher nicht direkt Erfolge haben. Denn auch wenn er wie Klopp erfolgreich mit Mainz gearbeitet hat – seine Art mit Spielern umzugehen ist eine andere. Und der BvB macht nicht die Anstalten, dass sich der Kader in der kommenden Saison radikal verändern wird – womit Tuchels Form des Coachings zumindest an menschliche Grenzen stoßen könnte.

Insofern wird es schwer für den BvB, wieder den Anschluss an die Champions-League-Plätze zu finden, wenn die Trainerentscheidung nicht zu einem sehr hohen Prozentsatz ins Gefüge passt.  Die Gefahr ist durchaus gegeben, mit einem zu teurem Kader dauerhaft zu niedrige Einnahmen zu generieren.

Schalke schon auf dem „Long way down“?!

Viel schneller in diese Richtung könnte es sogar für Schalke 04 gehen. In Gelsenkirchen hat man sich in den vergangenen Jahren überhaupt erst keine Mühe gegeben, den Verein solide aufzustellen. Wozu hat man als Sponsor Gazprom und die großartige Fan-Base, die sogar ihre Häuser dem Verein überschreiben würde? Die von Club-Chef Tönnies immer wieder erwähnten Passiva lassen die Vereinsverantwortlichen augenscheinlich doch sehr gut – trotz hoher aktiver Defizite – schlafen. Kein Grund zur Panik. Auch nicht, wenn jetzt wahrscheinlich wieder Millionen für einen Sammy Khedira ausgegeben werden, die man erstens aktuell nicht haben sollte und zweitens, von denen man nicht weiß, ob sie als Investition sinnvoll sind. Denn so unbestritten Khediras Fähigkeiten sind, so bekannt ist seine Verletzungsanfälligkeit.

Bisher hat Schalke mit solchen Wetten immer Glück gehabt. Im Zweifel qualifizierte man sich in letzter Minute für die Champions-League. Die verlässlichen und teils auf Glück basierenden internationalen Einnahmen haben regelmäßig vieles auf Schalke überdeckt. Doch in diesem Jahr sollte es mit der europäischen Königsklasse nicht klappen. Der Schnee hoch oben an der Piste des Erfolges schmilzt – selbst mit der Teilnahme an der Euopa-League. Und was das bedeutet, wusste schon die Schalke-Ikone Rudi Assauer. Man sieht so langsam, wo die Kacke liegt. Es ist bedenklich, wenn ein Verein Kosten senken muss, wenn er sich „nur“ für die Europa-League qualifiziert. Im Grunde wird jetzt schon deutlich, dass es um den Club nicht gut bestellt ist.

Negativ-Beispiel Rot-Weiss Essen

Alle Vereine eint dabei, dass ein Blick in die eigene Historie oder in untere Klassen das alles hätte verhindern können. Stuttgart hatte in den 70ern schlimme Zeiten in der zweiten Liga, Dortmund war in den 80ern ein Dauerpatient im Abstiegskampf und Schalke ist nur unwesentlich länger Stammgast in der Bundesliga als der VfL Wolfsburg. Und selbst der Hamburger SV – als einziger ohne wirklich großen historischen Absturz – kann genug warnende Beispiele finden, wie wichtig es ist, die Fehlentscheidungen auf Organisationsebene zu minimieren und sich nicht der Schimäre hinzugeben, um jeden Preis konkurrenzfähig mit den Bayern sein zu müssen. Man schaue nur in die Regionalliga-West. Dort gibt es das Mega-Beispiel eines “Failed Clubs”: Rot-Weiss Essen. Ein Verein, der sie mal alle überstrahlt hat und dann durch Fehlentscheidungen und falschem Glauben an das „Naturgesetz Erfolg“ fast zugrunde gegangen ist. Geändert hat sich an den “Essener Verhältnissen“ seit Jahrzenhten kaum etwas. Auch diese Spielzeit war interessanter neben als auf dem Platz. Rot-Weiss ist die deutsche Version einer nie Enden wollenden, gräußlichen Telenovela aus Brasilien.

So hat es RWE inzwischen geschafft, dass ein Niederrhein-Pokal-Halbfinalspiel gegen den Stadtrivalen Kray die interessierte Fußball-Zielgruppe in der Stadt nicht mehr erreicht. Einer der – laut Fußball-Autor Christoph Biermann – ersten Investorenclubs der deutschen Fußballgeschichte lockte gegen Kray nur 6.500 Menschen ins Stadion. Das wirkt umso befremdlicher, als dass die zweite Halbfinal-Partie Oberhausen gegen Duisburg mit fast 18.000 (inoffizielle von uns geschätzte Zuschauerzahl, falls jemand vom Finanzamt fragt) dreimal so viele Menschen anlockte. Der stolze Club aus Essen ist nur noch ein Trümmerhaufen. Die Stadtgesellschaft hat in Essen schon nicht einmal mehr Lust, aus Solidarität „Dem RWE“ einen Besuch abzustatten. 2015 ist der Verein (mal wieder) am Boden. Und ehrlicherweise war der Verein das schon, bevor Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig in die Ligen drängten. Der HSV, Stuttgart, Schalke oder Dortmund sollten also gewarnt sein – die RWE-Gefahr lauert im Grunde überall – auf dem eigenen Vereinsgelände. Und anders als im Bankenwesen gibt es im Profifußball kein „too big to fail“.

Foto-Quelle: European Commission DG ECHO, unter Creative-Commons-Lizenz, bearbeitet mit Pixlr-Express

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