Ein Hoch auf den Abstiegskampf

Frankfurt feiert den Klassenerhalt
Abstiegsfreuden-Kneuel
Frankfurt feiert den Klassenerhalt
Abstiegsfreuden-Kneuel

Der Mai ist in der Regel der wichtigste Fußball-Monat. Hier entsteht die Mehrzahl der Geschichten, die uns als Fans in den Wahnsinn treibt. Natürlich gibt es in diesem Jahr wieder eine Menge Potential für historische Ereignisse. Zum Beispiel, ob es Borussia Mönchengladbach erstmals schafft, sich direkt für die Gruppen-Phase der Champions-League zu qualifizieren. Oder aber ob Borussia Dortmund über die Liga noch den Sprung in die Europa-League packen kann, dem FC Augsburg dadurch vielleicht die erste Teilnahme versaut oder Schalke 04 gleich die ganze Saison und sportliche Zukunft. Und alle zehn Jahre, wenn es Bayern München zulässt, dürfen wir uns auch auf einen spannenden Meisterkampf freuen. Solch epische Sachen halt, die Schalker und Leverkusener über Jahre in den Hospitalismus jagen und Fans von Bremen und Mönchengladbach zur ewigen Legende genügen. Dinge, die halt nur im Mai geschehen können.

Doch mitnichten sind die glorreichen Erlebnisse an der fußballerischen Spitze die Würze für die Iden des Mai. Nichts ist nämlich so aufreizend, elektrisierend und anstrengend wie der Abstiegskampf. Bemisst sich die Qualität einer Fußball-Saison doch daran, wie spannend es im Keller zuging. Fragt man zum Beispiel in Frankfurt, was das massivste Erlebnis der letzten 20 Jahre war, dann bekommt man nicht die „Bye-Bye-Bayern-Jäger-Zeiten“ unter Toppmöller oder den 6:3-Aufstiegswahnsinn von 2003 genannt. Nein! Das größte Ding war der im Mai 1999 vorgetragener und ziemlich ruckelige Übersteiger Jan Åge Fjørtofts. Es war das 5:1 gegen Kaiserslautern. In der 87.Minute rettete sich die Eintracht über die Tordifferenz vor dem Abstieg, weil gleichzeitig der 1.FC Nürnberg (oder eher Frank Baumann) zu blöd war, den Ball ins leere Tor zu schießen. „Abgrund“ eben.

Als Bochum mit der Hacke erlegt wurde

Auch in Mönchengladbach kennt man das Phänomen. Im Stadionheft, dem alteingesessenen Fohlen Echo, werden vor jedem Heimspiel Fans vorgestellt, die beim letzten Auswärtsspiel dabei waren. Klassische Allesfahrer-Portraits, in denen auch die Frage auftaucht, was das schönste Erlebnis mit der Borussia war. Und mehr als oft wird das Relegations-Heimspiel gegen Bochum aufgezählt. Nur zur Erinnerung: Es war ein insgesamt grausames Spiel, in dem Igor de Camargo in der 92. Minute vor nicht (!) ausverkauftem Haus den Ball aus hoher Luft mit der Hacke ins Tor prügelt und somit den Verein faktisch vor dem Abstieg rettet. Für viele ist das der Beginn des sogenannten “Favre-Wunders”, das den Verein binnen weniger Jahren wieder zu einer europäischen Marke gemacht hat. Das Rückspiel in Bochum, die spannenden Partien vorher: Sie werden schnell vergessen, spricht man Gladbacher auf den Endpsurt in der Spielzeit 2011/2012 an. Der gelungene Abstiegskampf verbildlicht sich bis heute einzig und allein an dem Tor von de Camargo.

Und auch sonst erinnert man sich in Gladbach lieber an die Rettungen als an die Erfolge. Als die Borussia 1998 am letzten Spieltag die Klasse hielt, bebte der Boden in Wolfsburg. Durch das 2:0 in der Retortenstadt vermied man den erstmaligen Absturz und reichte dieses “Erlebnis” nach Köln weiter. Der Autor dieser Zeilen war bei dem damaligen Happening dabei, einer von zigtausend Borussen, die nach Niedersachsen fuhren. Und ich gebe zu: Ich liebe dieses Erlebnis mehr, als so manche Erfolge unter Bernd Krauss (darunter auch der Pokalsieg 1995) oder Lucien Favre. Und ebenfalls erstaunlich ist die Tatsache, dass mir von dem erstmaligen Abstieg der Borussia, eine Saison später, nicht viel in Erinnerung geblieben ist. Außer halt der Übersteiger Fjørtofts.

Das ultimative, unumkehrbare Trauma

Natürlich kennt der Abstiegskampf auch Verlierer. Nicht selten mit psychologischen Folgen. So herrscht beim HSV auch jetzt wieder die alljährliche manisch-depressive Grundstimmung, am Ende der Spielzeit die Uhr der ewigen Bundesligazugehörigkeit abstellen und dem Maskottchen Dino den Gnadenschuss geben zu müssen. In Bochum löst das Wort “Mönchengladbach” noch immer eine hilflose Mischung aus Wut und Trauer aus. Während der Relagtionsgegner von 2011 nämlich mit zum heißesten Scheiß in Deutschland gehört, dümpelt der VfL Bochum durch die Zweite Liga. An der Castropper findet man auch Jahre danach noch den ein oder anderen traumatisierten, der Igor de Camargo für einen Superschurken aus einem Batman-Comic hält. Und wer den ersten Abstieg des 1.FC Kaiserslautern noch in Erinnerung hat, dem werden die bitteren Tränen Andi Brehmes von 1996 nicht entgangen sein. Die pfälzische Region war damals (wie später so oft und häufig) gestorben – da war es dem Manschaftskapitän egal, dass er 1990 das Tor zum WM-Titel erzielt hatte.

Doch was macht den Abstiegskampf jeder Form von Meisterrennen oder Ersatz-Handlungen wie dem Wettbewerb um die internationalen Plätze überlegen? Im Grunde ist die Antwort ganz einfach. Ein Abstieg ist etwas Ultimatives. Zumindest für ein Jahr bekommt man als unterlegener nicht die Möglichkeit, die Pleite der Vorsaison wieder gut zu machen. Dem Gegner, der bleiben durfte, stellt man sich so schnell nicht wieder. Ein schönes Beispiel hierfür ist Fortuna Düsseldorf. Natürlich ist es für den Verein historisch gesehen nicht weiter problematisch, 2013 nach nur einem Jahr wieder aus der Bundesliga abgestiegen zu sein. Nur bleiben die Umstände für manchen Fan sicher ein Problem. Dass Hoffenheim den Abstieg durch einen mehr als überraschenden Sieg in Dortmund klar machte, weil die Fortuna ihr letztes Spiel in Hannover verlor, hat Spuren hinterlassen.

Für den Abstiegskampf gibt es keine Ersatzdroge

War und ist Hoffenheim in Düsseldorf unbeliebter als Fußpilz. Auch wenn man nur eine Saison gemeinsam in einer Liga spielte, ist der Hass groß auf den Verein. Eben weil dessen Gönner Dietmar Hopp sich vor Jahren abfällig über die Fortuna äußerte. Dass es dann ausgerechnet dieser Verein ist, der einen wieder zurück in die zweite Liga schickt, während er sich selber rettet, war schwieriger als der ein oder andere zugeben will. Bis heute halten sich Verschwörungstheorien von der gekauften Partie in Dortmund. Kronzeuge ist hierfür der verweigerte Dortmunder Ausgleich, den der Schiedsrichter, nachdem er ihn in der Schlussphase gegeben hatte, wieder zurücknahm. Seitdem ist Düsseldorf zweitklassig, vorerst ohne Chance, sich direkt gegen Hoffenheim zu revanchieren. Das kann einen als Fan schon einmal umtreiben.

Entsprechend wenig verwundert es mich selber zum Beispiel, dass ich nicht besonders intensiv mitfiebere, während mein Verein gerade um den direkten Platz in der Champions-League spielt. Klar, das ist schon bedeutend. Aber es hat soviel doppelten Boden, dass ich mir selbst von einem vierten Platz, der nur einen Platz in der Qualifikation bedeuten würde, die Saison nicht vermiesen lasse. Warum auch? Zum einen – egal wie stark der Gegner sein wird – in der Quali hätte man ja noch die Chance auf den Einzug in die Hauptrunde. Und selbst wenn nicht, spielt man halt sechs Mal Europa-League. Auch hier winken attraktive Gegner, von dem manche Traditionsclubs in Deutschland nur träumen. Und zum anderen – das ist ganz wichtig: Im nächsten Jahr würde es dann halt einen neuen Anlauf auf die Champions-League geben. Es besteht also weiter eine relativ berechtigte Hoffnung. Eine, die man nicht hat, wenn man absteigt. Das ist es, was den Abstiegskampf emotional so anders, soviel besser macht. Insofern steuern wir in diesem Jahr auf einen äußerst spannendes Keller-Finale zu. Stuttgarts und Hamburgs Dämlichkeiten sei Dank.

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