Die reizarme Liga

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Gelangweilte Fachpresse?

Tuchel mit einer Pöhlerkappe hinter Pep Guardiola? Ernsthaft?! Das Cover des 11Freunde-Sonderheftes mag irritieren. Angenommen, jemand hätte die komplette vergangene Spielzeit verpennt, der würde sich nur über die schlechte Karikatur von Jürgen Klopp wundern. Wer jedoch aufgepasst hat, sucht – zumindest auf dem Titel – ein paar andere Protagonisten vergebens. Für das Fußball-Kultur-Heft ist der BvB in diesem Jahr wieder der Bayern-Jäger Nummer 1. Der neue Trainer Thomas Tuchel des Vorjahres-Siebten ist also die Hoffnung auf einen spannende Saison? Hat sich also offenbar wenig getan in der Liga!

Zumindest kann man die Entscheidung der 11-Freunde-Macher nur schwerlich kritisieren. Bedenkt man doch, wer die Alternativen für die Jagd auf die Bayern sind. Am Ende wird man nicht anders können, als seine Hoffnung auf ein bisschen Spannung bei den ewigen Großmäulern aus Dortmund zu suchen. Wer auch sonst ist so blöd, diese Rolle schnell besetzen zu wollen, wenn mal ein paar Spiele gewonnen werden? Mit diesem Selbstbewusstsein hat sich der BvB ja auch in den vergangenen 20 Jahren immer wieder an die Spitze gespielt. Dass man dabei polarisierte, war in Dortmund immer egal.

Bloß nicht Polarisieren

Genau hierin unterscheiden sich die Dortmunder eklatant von den anderen potenziellen Verfolgern des FC Bayern München. Für sie alle ist Polarisierung das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Lucien Favre, der Gladbacher Trainer, ist die Demut in Person. Die neue Borussia wird 17 Spiele in Folge ihre Gegner zerlegen können, der Schweizer wird weiterhin vor Gefahren warnen. Was will man auch von einem Team erwarten, dessen Mediendirektor per RP-Interview erklärte, man dürfe niemals hochnäsig rumlaufen. Die erstmals für die Champions-League qualifizierte Borussia vom Niederrhein will scheinbar das heißeste „Nicht-Bonzen-Team Europas“ werden (so nennt die Borussia unser Halbangst-Kollege Breuer). Aus Gladbacher Sicht will man nur gut, erfolgreich und begeisternd Fußball spielen. Den Wanderzirkus der großen Sprüche sollen andere geben. Eine Borussia an der Liga-Spitze kann daher unfassbar langweilig sein.

Genauso wie der VfL Wolfsburg. Zum einem ist der Trainer des Vize-Meisters – Dieter Hecking – alles, nur kein Cover-Boy. Zum anderen werden sich die Wolfsburger Verantwortlichen hüten, einen auf dicke Lippe zu machen. Als Quasi-VW-Werksclub steht man schon genug in der Kritik, als dass man bei sportlichem Erfolg Großspurigkeit riskieren würde. Ähnlich sieht man das – trotz eines Rudi Völlers in der sportlichen Leitung – bei Bayer Leverkusen. Für die Liga kommt neben des vorgelebten Understatements am Werkstor noch ein anderer problematischer Fakt: Sollte einer der beiden Vereine Meister werden, ist das nicht gerade ein Verkaufsargument. Man stelle sich nur mal diese Reihe internationaler Titelträger vor: Manchester City/United, Paris/Monaco, Barcelona/Madrid, Turin/Mailand und Leverkusen/Wolfsburg. Sehe für die Bundesliga allein touristisch schon provinziell aus, wäre es wohl auch sportlich!

Als 2011 die “Großen Sechs” geboren wurden

Bliebe also noch Schalke 04. Aber auch dort hat man – zumindest kurzfristig – offenbar die Schnauze voll von großer Fresse. In nichts äußert sich das klarer als am neuen Trainer Andre Breitenreiter. Der wurde geholt, um endlich mal wieder sportliche Fachkompetenz in den Mittelpunkt zu stellen. Zudem ahnt man auf Schalke: Der starke Umbruch in diesem Jahr muss erst einmal zu sportlichen Erfolgen führen, was schwer genug werden sollte. Und so bleibt nur noch der große FC Bayern München, der innerhalb der “Großen Sechs” in Sachen Zirkus und Unterhaltung auch nur im Ansatz mit der englischen Premier League mithalten kann.

Und überhaupt – eben jene “Großen Sechs” haben inzwischen die internationalen Felle der Bundesliga unter sich aufgeteilt. Seit der wundersamen Rettung der Borussia aus Mönchengladbach in der Saison 2010/11 haben sich die Clubs auf den internationalen Plätzen manifestiert. In Sachen Punktezahl, Platzierung und Finanzkraft haben sich seit der vergangenen Saison die oben genannten Clubs endgültig vom Rest abgesetzt. Zwischen diesen Vereinen mogelt sich zwar hin und wieder ein Emporkömmling. Aber weder Frankfurt, Freiburg noch Hannover haben sich nachhaltig etablieren können. Freiburg ist inzwischen abgestiegen, Hannover steht vor einer komplizierten Spielzeit und die Eintracht wäre mit einer stabilen Saison mehr als zufrieden. Auch der FC Augsburg macht keine Anstalten, sich an die vorderen Plätze ran zu robben. Wie auch? Was sämtliche finanziellen Daten angeht: dem FCA würde die Puste ausgehen, wollte man einen Kader wie Borussia Mönchengladbach aufbauen.

Schwierige Ausgangslage für TV-Verhandlungen

In der Summe sind das somit keine guten Nachrichten für eine Liga, die bald über einen neuen Fernsehvertrag verhandeln muss. Wenn die nächsten finanzstarken Nachrücker in die obere Tabellenhälfte Leipzig, Ingolstadt und Hoffenheim heißen, wenn sich mit Stuttgart, Bremen, Hamburg oder Hannover eh schon ergraute Traditionsclubs mittelfristig auf die Zweite Liga einstellen müssen und Frankfurt wie Köln lieber als biedere Prokuristen hin und wieder überraschen wollen, dann wird es schnell langweilig. Richtig schlimm würde es werden, wenn wie in der vorletzten Saison, ein spannender Abstiegskampf ausbleibt, die Meisterschaft des FC Bayern mal wieder frühzeitig feststeht und am Ende es nur Spannung darüber gibt, wer Vierter, Fünfter oder Sechster wird.

Ein genau solches Abschneiden der jetzt startenden Spielzeit wäre möglich, würde es nicht gleich mehrfache, große Überraschungen geben. Keine guten Vorzeichen für einen großen Deal. Die kühnen (und oft überzogenen) Träume der Liga-Chefs, die englische Liga anzugreifen, sie könnten just in dieser Saison verpuffen. Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit, dass die Liga international massiv an Interesse zulegt: Der Meistertitel für Borussia Mönchengladbach! Nach einem spannendem Wettlauf mit dem BvB! Ein solches Traditions-Comeback würde Wertschöpfung schaffen. Vor allem, wenn der FC Bayern Dritter würde und somit als Glamour-Faktor der Champions-League erhalten bliebe. Richtig ideal wäre es dann noch, wenn es einen spannenden Abstiegskampf gebe, an dessen Ende der überraschend Klassenerhalt von Darmstadt 98 stünde, während sich mit Ingolstadt und Augsburg zwei eher langweilige Süd-Clubs verabschieden würden..

Doch das ist alles – schaut man auf die vergangenen Spielzeiten – so derart absurd, dass es in einer derart reizarmen Liga niemals eintreffen wird. Machen wir uns nichts vor: Von einer spannenden Liga, wie so manch ein deutscher Vermarkter glauben mag, sind wir weit entfernt. Die ganzen Lobpreisungen der Bundesliga-Sonderhefte, sie sind nur allzu selten eine Zustandsbeschreibung der Bundesliga im Sommer 2015!

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