Er ist (noch) kein Schwein

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Granit Xhaka

Granit Xhaka sagen nicht wenige in Europa nach, der bessere Bastian Schweinsteiger zu sein (oder auf Englisch: “You dirty Schwein”). Rein von den Fakten her passt das auch. Im Gegensatz zu dem heutigen defensiven Gestalter von Manchester United hat Xhaka seine Position in einem Alter (23) gefunden, in dem Schweinsteiger bei Bayern München noch als offensiver Spieler galt. Erst 2009 kam ein gewisser Louis van Gaal auf die Idee, dass Schweinsteiger der perfekte Spieler für das defensive Mittelfeld ist. In der Folge interpretierte kaum jemand die Position derart präsent wie der heute 31-Jährige.

Natürlich – das ist der Preis des modernen, schnellen Fußballs – fordert das intensive Spiel seinen Tribut. Mit Anfang 30 bauen die meisten Spieler ab. Was früher der Zenit der Schaffenskraft war, liegt heute bei 26 oder 27 Jahren. Entsprechend hat Granit Xhaka einen unendlichen Vorteil: Er spielt seit seinem 19. Lebensjahr auf höchstem Niveau auf der Sechs. Zumal er bei Borussia Mönchengladbach sehr viel gelernt hat: Die Zahl der zu riskanten Außenrisspässe nimmt ab, die Körpersprache wird immer positiver, die Beförderung zum Interimskapitän durch Übergangstrainer Schubert verschafft dem 23-Jährigen weitere, wichtige Erfahrung. Das ist der positive Xhaka, der dem eine Weltkarriere offen steht. Ob bei der Borussia oder sonst wo in Europa.

Vom guten und schlechten Xhaka

Aber da ist auch der andere Xhaka, der einen verzweifeln lässt, der den Glauben daran missen lässt, dass er der talentierteste und irgendwann beste seines Faches sein wird. Da sind die zu häufigen, dämlichen Fouls an der Mittellinie. Der Ball ist weg, Xhaka rauscht ran, Gegenspieler nimmt dankbar an: Gelb! Natürlich kann man auf der Sechs nicht ohne die Gelbe Karte leben. Sie ist für diese Position ein Stilmittel, durch eine leblose Mannschaft einen Ruck gehen zu lassen. Aber die Dichte an dämlichen Karten, die einfach nicht notwendig sind, ist bei Xhaka einfach zu hoch. Ob gegen Wolfsburg oder in Köln. Auch in der vergangen Saison sammelte der Schweizer viele unnötige Gelbe – besonders gerne im Mittelfeldbereich, vornehmlich früh im Spiel. Oft ist es zum Haare raufen: Selbst in vier Jahren unter dem Pedanten Favre hat es die Nummer 34 der Borussia nicht verstanden, dass er sich damit viel zu häufig, viel zu früh aus dem Spiel nimmt.

Womit wir beim nächsten Problem wären: der oft mangelnden Demut. Xhaka ist ein Spieler, der gerne seine Meinung sagt. Auch unter Favre hat er sich selten daran gehalten, den vom Monsieur bevorzugten schweigenden Profi zu spielen. Das war auch wichtig. Für den Erfolg der Borussia war es nötig, dass es eben diesen einen Spieler gibt, der nicht in jedem nächsten Gegner den kommenden Champions-League-Sieger sieht (“Gegen Offenbach wird es sehr, sehr, sehr, sehr, sehr schwer”) und in sich selbst den neuen KFC Uerdingen (“Können von Heidenheim noch sehr viel lernen”). Xhaka hat stets seine Ambitionen mit der Borussia offen kommuniziert. Er war einer der wenigen, der es logisch fand, dass die Borussia in die Champions-League kommen kann. Der diesen Anspruch auch an sich stellte; für den die Borussia eben kein kleiner Verein mehr ist (Oder zumindest kein Mainz, Stuttgart, Hoffenheim oder Freiburg ist).

„Wozu einen neuen Trainer?“

Allerdings rutscht Xhaka dann auch mal einer aus, der so nicht geht, der zeigt, dass seine verbalen Reizpunkte kein überlegtes Mittel sondern Zeichen mangelnder Demut sind. Anders ist seine Aussage nach dem Sieg gegen Wolfsburg schwer zu erklären. Mit seinem Werben um Andre Schubert als neuen, dauerhaften Trainer der Borussia macht er ein Fass auf, das medial gierig erwartet wurde, und deswegen einfach nicht passend war. Xhaka geht mit seinen Worten den eigenen Sportdirektor und starken Mann der Borussia an: Max Eberl hat sich festgelegt, will einen neuen Trainer verpflichten. Eberl denkt in Perspektiven. Und da ist der Gedanke nicht falsch, in Andre Schubert einen großen Trainer für das Rückgrat des Vereins zu haben. Schubert kann scheinbar junge Leute motivieren, sie fit für das Profi-Geschäft auf hohem Niveau machen. So jemanden dauerhaft in der U23 zu halten, ist ein Gewinn. Daher soll er diese Position für Eberl wohl halten. Heißt: Die Festlegung auf einen neuen Trainer steht, es geht nur darum, wann Eberl den Trainer für die kommenden Jahre (!) hat. Selbst bei allen berauschenden Siegen muss Xhaka das akzeptieren.

Die Borussia braucht nämlich neue Impulse, ein neues System. Die derzeitige Phase tut zwar allen gut. Schubert lässt die Spieler machen, die unter Favre oft zu kurz kommende Mündigkeit der Profis wird gefördert. Dadurch funktioniert das von Favre etablierte, taktische System blendend. Die Spieler dürfen es anders interpretieren, aggressiv gegen Ball laufen und Gas geben. Aber es ist nun einmal kein Modell auf Dauer. Es ist noch laufintensiver, als es Favre forderte. Und allein diese Taktik war schon die mit den meisten Kilometern in der ganzen Liga. Wie man einen solch höheren Aufwand, den Schubert möglich macht, konstant halten will, ohne Abnutzungserscheinungen und Verletzungen, ist ein Rätsel. Falls es gegen Wolfsburg jemand gemerkt haben sollte: Ibrahima Traoré hatte einen Krampf! Sowas hat es unter Favre selbst in den höchsten Tempo-Phasen nicht gegeben. Dort wurde perfekt dosiert. Unter Schubert wird darauf – derzeit korrekt – weniger geachtet. Doch irgendwann muss was geändert werden, sonst gibt es zu viele Verletzte oder dumme Niederlagen, weil es die Gegner verstehen, den Hurra-Fußball dieser Tage zu entzaubern.

Neuer Trainer heißt neues System

Wenn Granit Xhaka diese Fakten ignoriert, weil er vielleicht gerade Kapitän ist, das Leben als Profi bei der Borussia daher noch mehr Spaß macht und sich alles so toll nach D-Zug anfühlt: kein Problem! Dann hat er allerdings ein paar Defizite im Verständnis fußballerischer Entwicklung. Und genau dann ist es wiederum nicht so nah an der Wahrheit, dass Xhaka der vielleicht bessere Schweinsteiger ist. Denn diese Rolle zu erfüllen, bedeutet eben auch, dass man sich vom Bubbel-Bad mit den Cousinen verabschiedet und das Geschäft in langen Zyklen, rational und seriös betrachtet. Nur die Profis, die das schaffen und verstehen, werden ganz Große. Xhakas unbedarfte Werbung für den aktuellen Interims-Trainer offenbart dagegen deutliche Zweifel, dass der Schweizer der Beste auf der Sechs werden kann. Und das wäre dann doch Schade, wenn er das nicht werden würde. Denn dazu ist sein Talent auf dem Platz dann doch wieder zu groß.

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