Gladbachs Game of Thrones

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Ex’n’Upcoming-Leader?!

Fünfundvierzig Millionen! Soviel soll Borussia Mönchengladbach dem Vernehmen nach von Arsenal für Kapitän Granit Xhaka herübergereicht bekommen. Ob es ein Batzen weniger, oder ein bisschen mehr bei etwa jedem Champions-League-Halbfinale des Schweizers mit dem neuen Arbeitgeber sein wird, und ob der FC Basel dazu acht oder zehn Prozent abknabbert – geschenkt: Geschäftsführer Stephan Schippers ist dieser Tage ein “Sterntaler” der Gebrüder Grimm, auch wenn man es sich nicht zu bildlich vorstellen sollte.

Alle(s) weg – Taler da. Auch wenn der rekordbrechende (teuerster Schweizer aller Zeiten, zweitteuerster Bundesliga-Transfer) Abgang des ballkontakt- und passtarken Xhaka heraussticht, so ist dies im Borussia-Park doch wohlbekannt. Stammspieler gehen und der Verein kassiert gutes Geld mit der Aufgabe, damit Lösungen für den Kader der nächsten Saison zu finden. “Kreativ zu sein”, wie es Sportdirektor Max Eberl ausdrückte und es in der Vergangenheit auch äußerst zufriedenstellend bewältigte.

Neue Köpfe für die Tafelrunde benötigt

Sehr gute Spieler, starke Talente als Kompensation des Verkaufs zu finden – das darf der seit mehr als einem halben Jahrzehnt nun exzellent rekrutierenden Borussia à priori zugetraut werden. Nur, dieses Jahr gilt es – mehr denn je – auch einen weiteren Kernpunkt der Kaderbildung zu berücksichtigen: Die Throne der Mannschaft müssen neu besetzt werden.

Mit Martin Stranzl, Roel Brouwers und Havard Nordtveit sind neben “Kronprinz” Xhaka erfahrene Profis verabschiedet worden, die prägend für das Mikroklima in der Mannschaft waren: Hier ein Tipp für den Jungspund, dort klare Worte im Falle der Niederlage, das katalysieren der Anweisungen eines Trainers Lucien Favre oder André Schubert. Waren es in den Vorjahren Typen wie Max Kruse oder Marc-André ter Stegen, die einzeln ihre Throne der ambitionierten Meckerer und Ansporner verließen, so scheidet nun ein “ritterliches Quartett” von der Tafelrunde der Fohlenelf.

Das Gefüge ist notwendig für Erfolg

Dass Gruppenstrukturen und Mannschaftshierarchie für den Erfolg nicht unerheblich sind, sondern – ganz im Gegenteil – essentiell, verführt aktuell nicht nur Bundestrainer Jogi Löw, einen Lukas “Pennälergag” Podolski immer noch mitzunehmen, sondern lässt auch Eberl ganz genau auf die zwischenmenschlichen Eigenschaften der Transferkandidaten dieses Sommers blicken. Auch in der Führungsetage wurde registriert, dass die bisweilen bizarr blutleeren Auswärtsauftritte, wohlgemerkt unter Favre wie unter Schubert, wohl auch durch das (im besonderen Maße durch Verletzungen und Sperren hervorgerufene) Vakuum auf den Führungsspieler-Thronen hervorgerufen wurde.

Schaut man auf die erste Neuverpflichtung der Saison, Hoffenheims polyvalenter Defensivspieler Tobias Strobl, so passt hier der Anspruch Eberls und der Handelnden: Unter verschiedenen Hoffenheimer Trainern in der Bundesliga durchgängig zum Stamm gehörend, ein sehr reif und zielorientiert auftretender Mannschaftsspieler, der an Gladbach aber auch den Anspruch hat, ihm eine internationale Karriere zu ermöglichen. Kein Kapitänsmaterial, aber mitnichten der blasse Mitläufer, als der Strobl in den vergangenen Wochen von Fanseite mitunter gesehen wurde.

Vestergaard?! Rode? Kramer??

Dazu äusserte Eberl sich konkret über Bremens Abwehrchef Jannik Vestergaard, mit dem scheinbar Einigkeit erzielt wurde, dessen Zukauf wohl aber durch den Sportchef-Wechsel an der Weser noch verzögert wird. Vestergaard ist nicht nur durch seine 1,99-Meter Körpergröße beeindruckend, der 23-Jährige Däne ist zudem ein lauter Typ auf dem Platz, der trotz Gegentorflut bei Werder neben Claudio Pizarro stets als Hauptgrund für den Klassenverbleib der Bremer in den letzten beiden Spielzeiten gesehen wurde. Wie Strobl ist Vestergaard mit dem Label “ligaerfahren und den nächsten Schritt machend” versehen, was den Gladbacher Fans bereits Leistungsträger wie Lars Stindl, Kruse, Fabian Johnson, und Ibrahima Traoré bescherte.

Spannend sind die Gedankenspiele Eberls um die Hauptposition neben Mo Dahoud, den neuen alleinigen kreativen Kopf des Mönchengladbacher Mittelfelds. Hier wird weitestgehend Einigung mit Bayern Münchens Sebastian Rode gemunkelt. Die kolportierte Forderung des 25-Jährigen, erst die Gladbacher CL-Qualifikationsspiele abwarten zu wollen, darf getrost als markttypische Flüsterpost abgeheftet werden. Der ehemalige Frankfurter hat ein frustrierendes Jahr beim Rekordmeister hinter sich mit nur drei Startelfeinsätzen. In seinem ersten der beiden Münchener Jahre hatte das noch anders ausgesehen, als Rode oft in der Aufstellung auftauchte und tatsächlich einige der Weltstars mit seinen Leistungen überragte. Rode sorgte für die benötigte Kohesion im Spiel der Bayern, als sie sich im unter Pep Guardiola wiederholten Frühlingsstottern Richtung Saisonfinale quälten. Auch fur Rode gilt: Er ist im optimalen Fussballeralter, hat reichlich Liga-Erfahrung, ergänzt durch zwei Jahre Trainingsalltag mit einigen der besten 50 Fussballern der Welt und würde dementsprechend, gesetzt eines Engagements bei den Gladbachern, in der Tat eine führende Rolle beanspruchen wollen.

Zwar wird auch Christoph Kramer mit der Borussia in Verbindung gebracht, einer Rückkehr des Weltmeisters stehen womöglich aber die höhere Ablöse und Feinheiten im Lebenslauf im Wege. So war Kramer zwar nie so stark wie in seiner Gladbacher Zeit, schon dort fiel der ehemalige Bochumer jedoch eher als Lautsprecher in den Medien als auf dem Platz auf, was ihm im Umfeld des Teams nicht nur Freunde einbrachte. Desweiteren kann man spekulieren, dass das raumdeckende Verteidigungsspiel Kramers zwar auf Favres Fussballverständnis zugeschnitten war, jedoch weniger zu einem Spielstil wie unter Schubert passt – wobei dies durchaus in der Praxis erfolgreich abgestimmt werden könnte.

Zusatzkäufe aus der europäischen Jugendelite

Weitere Namen, die sich derzeit gemutmaßt finden, sind hauptsächlich der anderen Gladbacher Spezialitätenkategorie, “jung und extrem talentiert” zuzuordnen. Sie sind aber keine Anwärter auf die Throne Meinungshoheit im Mannschaftsgefüge: Mittelfeldmann Youri Tielemans, einer der meistumworbensten unter-20-Jährigen des Planeten, Mamadou Doucouré als zentraler Verteidiger von Paris St. Germains Nachwuchsteam, und Edimilson Fernandes als offensives Talent vom Schweizer FC Sion.

Wie viele aus diesem Kandidatenkreis in Richtung Mönchengladbach aufbrechen werden, mag davon abhängen, wie sehr Schippers von Paris bis Anderlecht tatsächlich als vom Himmel beschenktes Sterntalerchen gesehen wird. Nur, die Kardinalfrage der vakanten Throne wird davon nicht beeinflusst. Hier wird sich auch zeigen müssen, wer aus dem aktuellen Kader einen Schritt nach vorne wagt, um Autorität zu erlangen. Yann Sommer, Oscar Wendt, Stindl oder auch etwaige Rückkehrer wie Alvaro Dominguez oder Tony Jantschke könnten hier Bewerbungen einreichen. Ob neu oder alt – eine Handvoll Profis muss es sein, um diesen Kader in die nächste Spielzeit zu tragen.

10 Kommentare

  1. Servus Zusammen,

    guter Überblick eigentlich. Ich vermisse bei den Alternativen Gibril Sow, der in der U23 geparkt wurde. Der fällt doch fürs Mittelfeld in in die Kategorie jung, extrem talentiert. Vor allem istber schon Borusse. Fragt keiner mehr nach dem? Wenn Borussia tatsächluch versucht Christensen zu binden, dann ist neben Vestergaaard und Rhode aktuell kein finanzieller Spielraum. Das Geld aus London kommt ja auch in 5 Jahresraten, wenn ich richtig gelesen habe. Oser übersehe ich da was?

    • Hi Lars,
      Djibril Sow, oder besonders auch ein Mandela Egbo, sind sicherlich auch in der Kategorie „jung und extrem talentiert“ zu sehen. Da sie noch keine Profiminuten in den Wettbewerben haben, habe ich sie mal herausgelassen. Sow war ja immerhin schon im Pokal und gegen Darmstadt am Ende auf der Bank. Ich denke, der ist nicht so weit weg von seinen ersten Minuten…
      Was das Geld angeht, so werden derartige Einnahmen so bilanziert, jo. Glaube Eberls Kommentare der letzten Tage gingen in die Richtung, dass es eben gut wäre, sich für die CL-Gruppe zu qualifizieren, weil dann genau in Sachen Christensen sehr viel Budget vorhanden sein würde, über die aktuellen Verpflichtungen hinaus.

  2. „fiel der ehemalige Bochumer jedoch eher als Lautsprecher in den Medien als auf dem Platz auf“ -na, das dürfte doch aber stark übertrieben sein, oder? Es gab das Spiegelinterview, da hat er fast mit Veröffentlichung begonnen, sich zu entschuldigen, und die Sache mit Berti, dessen Spruch allerdings auch wirklich blöd und unnötig gewesen ist. Aber ansonsten? Dass er so frei und offen und dabei nicht blöd von der Leber geredet hat, wurde (nach meiner Erinnerung) sehr geschätzt. Vor allem aber hat er sehr mit Leistung überzeugt!! Und damit auch die Gunst vieler, die sich zum Ende seiner Zeit wegen des Hin und Hers mit Leverkusen geärgert hatten, wieder für sich gewinnen können. Er hatte schon großen Anteil am CL-Platz und die emotionale Verabschiedung war nicht von ungefähr! Also, ich würde ihn sehr, sehr gerne wieder bei Gladbach sehen!

    • Hi Elmi,
      war missverständlich formuliert, das „als auf dem Platz“ bezieht sich nicht auf die (tadellose) Leistung, sondern das „Lautsprecher“. Seine Gladbacher Zeit war durchweg stark, vielleicht mehr im ersten als im zweiten Jahr, aber das sind Details. Nein, ging mir nicht um die Performance sondern viele Zitate und Kommentare, neben Spiegel und Berti meine ich mich auch an Tagesspiegel und RP erinnern zu können, in denen es immer um Leverkusen Ja/Nein etc ging.
      Und natürlich wurde er bei den Fans (Verabschiedung) durchweg positiv gesehen und dies auch dank starker Spiele – es ging mir aber um die Vermutung, dass a) nicht alle Mannschaftskollegen und Trainerstab die mediale Dauerpräsenz gut fanden, b) es taktisch unter AS weniger passen würde und deshalb Rode in der Bewertung des „Leitspieler-Kaufs“ womöglich die Nase vorne hat, da c) Rode auch ca 2x günstiger ist.

      Gruss
      Manuel

        • Hi Andreas,
          ne also die Daten auf Transfermarkt.de belegen das nicht, gefühlt war er auch meist im Kader. Hat in zwei Jahren Bayern nur einmal mit Sehnenverletzung den ganzen Oktober verpasst, sonst nur ganz selten ausgefallen. Natürlich hatte er bei der Eintracht nen Knorpelschaden erlitten, aber davon scheint er sich ja nun seit zwei Saisons sehr gut erholt zu haben, wegen Kniebeschwerden ist er jedenfalls nie mehr ausgefallen.
          Gruss
          Manuel

          • Ich stimme Andreas zu. Die Auswirkungen eines Knorpelschadens sind stark abhänging von der Belastung. Als Stammspieler bei Frankfurt hat ihn das schon eingeschränkt, bei Bayern war er ja nur Ersatz… (Die medizinischen Tests dort sind sicher keine reine Formsache, aber Guardiola und die Bayern-Ärzte waren sich ja auch nicht immer einig). Um nochmal auf das obige Thema zurückzukommen: das ist also nur eine Vermutung deinerseits? Denn ich hab *nie* gehört, dass sich ein Mannschaftskollege (die ihn ja auch bei den Spielen gegen B04 diese Saison sehr, sehr herzlich begrüßt haben) oder jemand aus dem Trainerstab über ihn geärgert hätten, im Gegenteil. Das Hin und Her kam ja hauptsächlich dadurch zustande, dass er selbst offensichtlich lieber in Gladbach bleiben wollte…

  3. Kramer: Ja, ist Vermutung, dass darfst du ruhig anzweifeln. Es basiert auf Eberls klarer Linie mit Spielern, die sich zu sehr zu anderen Vereinen und Wechseln äussern (auch hier scheinen wir in der Wahrnehmung von Kramers Medienpräsenz auseinanderliegen, was voll ok ist). Was Spieler angeht, da ging es mir primär nicht ums mögen, sondern das Kramer kein Typ ist, der Führungspersönlichkeit ausstrahlt.
    Zu Rode: Klar ist ein Knorpelschaden nicht ohne, aber im Jahr danach bei den Bayern hat er rund 1500Minuten in 35 Spielen gespielt, so richtig „Ersatz“ ist das auch nicht (Traoré und Hazard kommen diese Spielzeit auf 1900Min).

    Es ist ja beileibe kein Schwarz und Weiss bei Rode/Kramer, sondern „Feinheiten“, die „womöglich“ zugunsten des Einen und gegen den Anderen sprechen, wie ich mutmaße. Wenn ihr/du Kramer vor Rode seht, so ist das völlig ok und auch begründbar.

    Gruss
    Manuel

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