Übergangssaison auf höchstem Niveau

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Champions-League in Ostholland

Borussia Mönchengladbach ist Vierter der Fussball-Bundesliga und wird im August die Qualifikations-Playoffs zur Champions League bestreiten. Dass diese Saison in derart luftigen Höhen, womöglich zum zweiten Mal in der Cash-Cow des Fußballs endet, ist den handelnden Personen nicht hoch genug anzurechnen – nach einer derartig wirren Spielzeit.

Die ewigen, sonnigen Flitterwochen mit “Dr.” Lucien Favre auf den Bahamas hatten sich in Windeseile in Camping-Zelten mit “Mr. Zögerli” im Dauerregen an der Autobahnraststätte Vlotho-Exter verwandelt. André “sind wir nicht alle Interimstrainer?” Schubert kam, siegte viel und verpflanzte trotz etlicher Leistungsschwankungen die Fohlen-Koppel von Platz 18 auf Vier – ein Rekord für die Ewigkeit. Zahlen, die sich nun auszahlen.

Ein verrückter Saisonverlauf

Dabei spiegelte diese Saison – nicht nur mit dem erschreckenden Start und dem Happy End, sondern auch mit etlichen anderen Serien – gleich ein ganzes Leben als Borussenfan wider: Auswärtsdeppen, Heimmacht, Bayernbesieger, Aufbaugegner par excellence, eiskalt bis fahrlässig vor dem Tor, strukturelle Probleme bis perfekt geölte Torfabrik. Die meisten Gladbach-Aficionados sind immer noch auf der Suche nach Worten, welche die vergangenen zehn Monate zusammenfassen. Viele landen wohl bei “verrückt”. Gucken wir aber auf die taktischen Veränderungen, destillieren und demonstrieren diese ziemlich genau das, was dieses Bundesligajahr 2015/16 war: eine Übergangssaison auf sehr hohem Niveau.

Das letzte Mal, als eben dieser Begriff des “Übergangs” bemüht worden war, hatte Monsieur Favre seine Achse um Reus, Dante und Neustädter verloren – 2012/2013. Auch in jener Spielzeit wechselten sich gute Heimauftritte mit leblosen Auswärtspleiten ab; die defensive Stabilität ging gelegentlich flöten, aber immer wieder riss es die Offensive heraus – in der Hinrunde durch einen Juan Arango quasi im Alleingang. Die Mannschaft pendelte sich auf einem achten Rang ein, mit elf Saisonniederlagen, und war nach dem ersten Spieltag nie besser platziert als Siebter.

Von Schrulli zu Pulli

Was viele vergessen: Genau in dieser Saison spielte auch der systemkonservative Favre mit der Taktik – das ansonsten in Stein gemeisselte 4-4-2 mit Raumdeckung und ins Mittelfeld zurückfallenden Stürmern wurde im Zuge der Personalie Luuk de Jong, aber auch für Amin Younes, Peniel Mlapa, Tolga Cigerci, Lukas Rupp oder auch Patrick Herrmann zu einem 4-4-1-1 oder 4-1-4-1/ 4-3-2-1 modifiziert. Da liefen auch mal drei zentrale, defensive Mittelfeldspieler auf, oder Herrmann und Younes postierten sich klar hinter einem zentralen De Jong, Mlapa oder Mike Hanke.

Die taktischen Veränderungen in der abgelaufenen Spielzeit waren sogar noch gravierender und sind natürlich nicht nur im Zeitlauf just präsenter, sondern auch quasi per Kapitelmarke mit der Zeitenwende von “Schrulli zu Pulli” geeicht. Sei es die Abkehr von der Zonen- zur Manndeckung innerhalb des 4-4-2, dem Etablieren der Dreierkette, ob riskant oder mit “pendelnder Viererkette”, gar Fünferkette, dem sehr gut funktioniernden, rochierenden Dreiersturm – es war viel los an der Taktiktafel im Borussia-Park.

Viel Kreide an der Taktiktafel

Das taktische Korsett wurde also gewechselt, gleichzeitig verhalten sich die Spieler innerhalb der Grundordnung auch gravierend anders. Während früher besonders die Passwege in die Gladbacher Hälfte, vielmehr das letzte Drittel, zugelaufen und -gestellt wurden, gibt es nun Orientierungen am Mann auf dem ganzen Spielfeld. Ist das Verteidigen Mann gegen Mann in einer Dreierkette doch sehr gewöhnungsbedürftig, da auch geflissentlich Unterzahl bei zweiten Bällen nach Umspielen des (Gegen-)Pressings in Kauf genommen wird, so gibt es ein wesentlich aggressiveres Anlaufen des Gegners, der bei fehlender Spielqualität oft mit Fehlpässen oder weiten Bällen des Torwarts reagiert. Auch ergeben die unterschiedlichen Spielertypen in der Offensive eine nur schwer zu verteidigende Mischung, die mit dem Aufbieten eines dritten Stürmers und der Hereinnahme von Typen wie André Hahn oder Thorgan Hazard ins Zentrum noch fokussiert wurde.

Derartige Experimente, in der Champions League wie in der Bundesliga mit herausragenden Kantersiegen wie auch den beschriebenen Kirmesfussball-Enttäuschungen, hätten im Normalfall wohl zu einer Platzierung zwischen sechs und neun gereicht – wie eben 12/13.

Operation am offenen Herzen der Fohlenelf und trotzdem Top 4  – das ist ein in der Wahrnehmung der Entwicklung aller Bundesligisten und der Saisonfazits um die Darmstädter und Bayern dieser Republik eigentlich zu wenig beachtetes Ausrufezeichen eines Vereins. Kein (immer noch) finanzstärkerer Klub derselben Sphäre – ob Schalke, Leverkusen, Dortmund oder jüngst die Wolfsburger – hat derart die Spur im Übergang oder Umbruch halten können. Und viele Experten hatten vor Jahresfrist diese Gladbacher – selbstredend ohne einkalkulierten Trainerwechsel – durch die Verluste der Nationalspieler Max Kruse und Christoph Kramer ohnehin nicht mehr als Top 5-Material erachtet. Max Eberls “Weg” ist immer noch frei von Gesteinsbrocken und die Wanderstiefel sitzen bequemer denn je: Die Konkurrenz darf nervös auf die einstmals launische Diva vom Niederrhein blicken. Es könnte noch einiges kommen aus Mönchengladbach.

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