Die Rückkehr des Schlendrians

img_1277Borussia Mönchengladbach kann wieder gewinnen. Soweit die gute Nachricht. Und trotzdem passt das 1:0 wunderbar in die Gesamtentwicklung in diesem Herbst. Der Verein ist wurstig geworden.

Fußballschauen  im beginnenden Winter ist, speziell am Niederrhein, eine hart erkämpfte Errungenschaft. Nicht selten steht zwischen Stadionbesuch und Fußballgenuss eine nassfeuchte Nebelbank. Natürlich gehört auch das zur DNA des Clubs, schon zu Bökelberg-Zeiten. Wer selbst bei furchtbarster, nasskalter Witterung den Weg in die Arena schafft, ist sich seiner Hingabe gewiss. Da macht es selten was, wenn es schlecht läuft – in den Jahren nach den goldenen 70ern hat es mehr als nur eine gruselige Darbietung der eigenen Mannschaft gegeben. Das war über Jahre aufgrund fehlender Mittel, mangelnder Strahlkraft und der agierenden Verantwortlichen halt nicht besser möglich.

Problematisch wird es allerdings, wenn man das Gefühl bekommt, dass ein gewisser Schlendrian einzieht. Wenn vorhandenes Können nur aus dem Bestand aufgerufen wird. Da ist zum Beispiel das Stereotyp der niederrheinische Krämerseele, das der Verein so wunderbar bedient. Für einen Eingeborenen wie mich, ist es wichtig, dass mein Verein eine gewisse lokale Prägung besitzt. Das bedeutet: Bodenhaftung, finanzielle Weitsicht und umsichtigen Umgang mit der Basis. Daher sind zum Beispiel die Zeiten unter Rolf Rüssmann sowie die großkopferte Anfangszeit von Rolf Königs auch heute noch für mich ein Graus. Statt langsame und gesunde Entwicklung wurde hier geklotzt und gekleckert was der absehbare Abstieg hergab.

Sternkopf, Elber, Borussenhotel

Als Michael Sternkopf – bar jeder sportlichen Notwendigkeit – verpflichtet wurde, um mehr weibliche Kundschaft anzulocken, als das Kaufhaus des Westen die Tore öffnete und auf dem Höhepunkt ein Giovanne Elber im Kader Stand, unrund lief, aber den Trikotverkauf ankurbelte, als all das passierte, fühlte ich mich weit entfernt vom Club. Erst in der zweiten Liga kam meine Leidenschaft wieder zu 100 Prozent zurück.

Von einer ähnlichen Entwicklung bin ich aktuell natürlich noch deutlich entfernt. Aber mir fallen immer mehr dunkle Wölkchen auf, die sich zu einer ganz großen kumulieren könnten. Das fängt schon bei der Anfahrt an. Die war zum Borussia-Park nie eine Wonne, besonders nicht mit dem Auto. Da fällt es dann schon ins Kontor, dass solche Frühankommer wie ich auf einmal auf die hinteren Reihen gelotst werden. Das spart unter Umständen Personal, oder nutzt es effizienter. Aber in der Diaspora der niederrheinischen Kleinstadt heißt eine hintere Reihe auf dem Parkplatz eine längere Wartezeit. So kommen noch einmal gerne 20 Minuten drauf. Seit neustem hat man dann noch das Problem der Baustelle für das neue Hotel. Wer von der Fan-Shop-Seite kommt, hat über die Westseite keinen direkten Zugang zur Süddtribüne mehr.

Am Niederrhein ist der Kunde nicht zu allem bereit

Was ein wenig jammernd klingt, ist jedoch ein Problem. Vor der Partie ist das alles noch in Ordnung, den kleinen Umweg über Ost und den Gästeblock zu gehen. Nach der Partie ist es jedoch etwas mühsehlig, zwischen gesperrter Gästeblockquerung und nicht vorhandenem Weg über die Westseite gefangen zu sein. Entweder man wartet bis alle Fans des Gegners weg sind, oder geht einen größeren Umweg, einmal rund um die Parkplätze für die besseren Plätze. Die jetzt allerdings von wandernden Normalo-Fan-Massen in der Abfahrt gestört werden.

Das kann man schon so machen: Wenn man der Meinung ist, die Kundschaft nimmt sowas klaglos hin, in purer Dankbarkeit zu den erlesenen Tickethaltern zu gehören. Bei Bayern, Dortmund oder auch Schalke kann man seiner Kundschaft so etwas zumuten. Man sollte sich dann aber nicht darüber grämen, wenn auf einmal alte, motzige Niederrheiner oder weit angereiste Pfälzer Familien auf einmal die Couch vorziehen, und nun das neue, Konsumpublikum kommt, das man eigentlich nicht will. Wie gesagt: Noch ist es nicht so weit, aber noch ein paar dieser Schludrigkeiten, dann kommt der Verdruss. Denn trotz einer bundesweiten Fan-Basis ist man immer noch der bodenständige Club vom moppernden Niederrhein. Wer nicht will, dass sich pfeifendes Eventpublikum der Marke “dumm” sammelt, der sollte seine Zielgruppe auch bedienen.

Sicher nicht nur eine “Ergebniskrise”

Womit wir wieder beim Sportlichen sind. Auch dort findet sich dieser Schlendrian wieder. Was unter André Schubert schon seit Monaten zu beobachten ist, potenziert sich fleißig weiter. Kaum ein Spieler, der weiterentwickelt wird oder sich nicht im Netz systemischer Inkonsistenz verheddert. Ein stetes Abrufen aus dem Bestand bringt immer schlechtere Gesamtleistungen. Längst hat die Borussia keine Ergebniskrise mehr. Wer das so sieht, hat die Verkettung der Schlampigkeiten und Unordnungen vor dem 1:2 in Dortmund vergessen; dem ist der dümmliche Taktikfehlgriff in Manchester entfallen; der hält den überflüssigen Selbstfeierausflug nach Barcelona ohne jegliche Spielidee für einen Ausrutscher; und der denkt, das 1:0 gegen Mainz war die Folge eines über Wochen erzwungenen Glücks, das man sich jetzt mal verdient hat.

Schluss mit dem Verwalten der Potentiale

Nein, die Borussia hat keine Ergebniskrise. Die Borussia ist schlampig geworden. Ein immer noch guter und überdurchschnittlicher Bundesligakader krautert sich durch die Saison. Spieler treffen Entscheidungen nahezu nur noch aufgrund individuellen Vermögens, denn aus kollektiven Mechanismen heraus. All das ist nicht neu, wusste man nach der Niederlage in Berlin, nach dem Spiel gegen Köln und vielleicht schon nach der letzten Rückrunde. Im Grunde verschlechtert sich das Spiel mit jeder längeren Pause, mit jeder Vorbereitung. Wenn dann noch hinzu kommt, dass auch das Drumherum eher mit der aktuellen sportlichen Entwicklung Schritt hält, wird mir Bange um das Erreichte der letzten Jahre. Der gesund entwickelte Erfolg auf allen Ebenen ist schneller mit Arsch, Sturheit und Angst eingerissen, als manch einer auf der Geschäftsstelle glauben will.

Also liebe Borussia, besinnt Euch wieder auf das, was den Menschen am Niederrhein Spaß macht. Dazu gehört eine akribisch entwickelte Spielidee (egal ob Offensiv oder Defensiv, Hauptsache sinnvoll und logisch), sich verbessernde Spieler und ein Umfeld, das auf die existierenden Tribünengänger ausgelegt ist, nicht auf Wachstum der Erträge. Die steigen mit Gründlichkeit und Liebe zum Detail eh. Und dazu gehört auch, dass die, die das Bestehende verwalten, statt es zu entwickeln, vielleicht jetzt ausgetauscht werden. Ansonsten heißt es: “Weiterwurschteln!”

4 Kommentare

  1. Leider alles richtig. Das Problem ist nur, dass die handelnden Personen dies nicht so sehen. Es wird immer wieder der BVB entschuldigend bemüht – die hatten auch mal ein schlechtes Jahr – nur haben die viel mehr Geld um diese Delle angemessen zu reparieren. Eine schlechte Saison kann für MG schon das Ende des Aufwärtstrends sein. Gute Spieler werden wechseln… Es muss jetzt ganz schnell gehandelt werden. MG braucht einen richtig guten Trainer – eine Persönlichkeit!!!!

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