Kein weiteres Wappen

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Marcell Jansen

Als ich im Jahr 2001 mit dem Studium begann, orientierte ich mich auch fußballerisch um. Ich hatte während der Oberstufe den Trainerschein gemacht und diverse Jugendmannschaften meines Heimatclubs Viktoria Rheydt trainiert. Das konnte ich deutlich besser als selber spielen. Irgendwann fiel das auch den Verantwortlichen des SV Mönchengladbach 1910 auf, in der Stadt nur unter dem Namen des Stadtteils bekannt, in dem er liegt. So wurde ich U17-Trainer beim SV Lürrip.

Gleich bei meiner ersten Trainingseinheit bemerkte ich einen Jungen an der Theke des Vereinszentrums. Er saß dort in kompletter Montur von Borussia Mönchengladbach, neben ihm sein Vater. Dieser sprach mich an, ob ich der “Neue” sein. Ich bejahte und fragte, warum mir das Gesicht seines Sohnes bekannt vorkam. Ob wir uns von Viktoria Rheydt her kennen würden? Beide lachten – der Junge klärte mich auf, dass er für die Borussia spielen würde, vorher nur in Lürrip war. Sein Name: Marcell Jansen – damals noch keine 16 Jahre alt. Er hatte meine alten Mannschaften, die ich vorher trainierte, schon mehrfach abgeschossen, daher erinnerte ich mich an sein Gesicht.

An die Begegnung in Lürrip dachte ich nun wieder, als ich von seinem Karriereende hörte – mit nur 29 Jahren. Dabei hatte ich fest gehofft, den Kerl noch einmal im Trikot der Borussia zu sehen. Die Sterne standen auch günstig: Marcell ist fit, Gladbach hat mit Filip Daems nicht verlängert – dem Linksverteidiger, den Jansen zu Beginn seiner Profikarriere verdrängte – und der HSV wollte wiederum den „Lürriper Jung“ nicht mehr haben. Für mich eine Win-Win-Situation. Aber wie das so ist mit den Wünschen eines Fans – der Trainer teilt diese nur selten. Wahrscheinlich wird Lucien Favre nicht einmal für nur eine Sekunde an Marcell Jansen gedacht haben, als er mit Max Eberl Ideen für den Kader der Saison 2015/16 besprach.

Bleibt also nur die Erinnerung an einen großen Spieler der Borussia. Zwar hat Jansen nur 73 Profi-Spiele für die Gladbacher absolviert. Trotzdem hat er seinen Platz in der Vereinsgeschichte. Jansen war das erste große Eigengewächs, dass nie am Bökelberg spielte, das erste Fohlen des Borussia-Parks. Er war in der Saison 2004/2005 der Anachronismus zum damaligen Kaufhaus des Westens unter Dick Advocaat und Peter Pander. Gleich sein erstes Spiel war ein Magengeschwür, symptomatisch für die damalige Zeit – Größenwahn gekoppelt mit spielerischen Offenbarungseiden. Es gab ein 0:6 in Berlin. Danach wusste man, dass die eigene Truppe scheiße war.

Und es auch – sind wir ehrlich – bis zum Abstieg 2007 blieb. Der einzige Lichtblick in diesem Team war stets Marcell Jansen. Er schaffte es 2005 in München eine Flanke derart präzise über Oliver Kahn zu bringen, dass selbst der 1,72 Meter große Ivo Ulich nicht mehr am Tor vorbei köpfen konnte. (Was Minuten später durch Mehmet Scholl und Michael Ballack korrigiert wurde.) Und als 2007 der Abstieg nach einer Niederlage gegen den Hamburger SV so gut wie fest stand, war er der einzige Profi, den das wirklich aufregte. Ich erinnere mich an eine Bande, auf die er mehrfach voller Frust eintrat. Kurze Zeit später wechselte Jansen für eine damals unfassbare Ablöse (manche sagen zwölf, andere 14 Millionen Euro) nach München. Das eingenommene Geld war der Grundstock für den sofortigen Wiederaufstieg und somit auch indirekt für die spätere Etablierung der Borussia an der Spitze der Bundesliga.

Dass Jansens Weg etwas anders verlaufen sollte, als alle dachten, ist das Tragische an dieser Geschichte. Zum Ende seiner Karriere verlässt der Gladbacher mit dem HSV wieder einen Trümmer-Club. Die Weltkarriere, die ich ihm gegönnt hätte, wurde es nicht. Insofern ziehe ich meinen Hut vor diesem Profi. Mit der Begründung, kein weiteres Wappen mehr tragen zu wollen, verabschiedet er sich vom aktiven Sport. Einen solch sauberen Schnitt schaffen nur die wenigsten. Vielleicht ist es auch die Folge, dass sich der Spieler während seiner Karriere mit einer eigenen Werbeagentur auf ein Leben abseits des Platzes derart gut vorbereitet hat, dass er keinen Bock mehr auf das überhitzte, ewig gehetzte Geschäft mit dem runden Leder hat. Vielleicht hatte er aber nur einfach die Schnauze voll von all den Söldnern, mit denen er in Gladbach und Hamburg spielen musste und selber keiner werden wollte. Die wirklichen Beweggründe kennt nur er selber.

Bei einer Sache bin ich mir allerdings ziemlich sicher: Man wird Jansen in Mönchengladbach wiedersehen. Vielleicht als Mitarbeiter von Borussia Mönchengladbach, die im Marketing noch eine Menge Hilfe brauchen. Oder – wenn die Borussia selbst das nicht will – sieht man ihn mindestens beim SV Lürrip. Die sanieren nämlich gerade ihre Anlage und freuen sich über jede helfende Hand.

Foto: Kathi Rudminat, veröffentlicht unter Creative Commons Lizenz, bearbeitet mit Pixlr-Express

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