Liste eines Unzufriedenen

Ist schon seltsam. Da hat Borussia Mönchengladbach eine achtbare Hinrunde gespielt und trotzdem wird gemurrt. Also jetzt ganz individuell gesprochen, murre ich selber. Warum? Es fühlt sich halt vieles schlabbrig an, wirkt wenig euphorisch und sieht eher nach individueller Klasse aus, als nach einem wohl durchdachten, verwegenen Plan. Unterm Strich – wenn selbst Freunde, die bei Arango-Toren vor Freude fast aus Fenstern fielen, auf einmal Texte mit Blues-Charakter abliefern, wird es auch mir trist. Es gibt da halt ein paar Baustellen:

  • Der Kader

Klammheimlich ist das Wort, das diesen Kader umschreibt. Ohne große Nebengeräusche ist er gewachsen. Inmitten eines seit 2011 anhaltenden Rausches, in dem sich der gemeine Gladbach-Fan befindet. Der Club ist einer von drei Vereinen, denen in den vergangenen fünf Jahren eine einstellige Platzierung vergönnt war. Nur Bayern und Dortmund gelang dies. Darüberhinaus spielten und spielen feinste Fußballer im Borussia Park.

Und dennoch verblasst all dies vor dem Kader des diesjährigen Reifegrades. Wer es sich während einer großen Verletzungsmisere erlauben kann, Spieler wie Tony Jantschke oder Vincenzo Grifo auf die Bank zu setzen, dem geht es wahrlich nicht schlecht. Der Kader hat sich zur Vorsaison kaum verändert. Die beiden Top-Abgänge Christensen und Dahoud wurden mit Zakaria und Ginter unterm Strich überkompensiert. Es drängen U20-Spieler – Beispiele sind Cuisance und Oxford – in den Vordergrund, die eine seit den 70ern nicht mehr gesehene Güteklasse haben. Ein langsam abbauender Raffael (der trotzdem noch seine Momente hat) löst keine Panik mehr aus, sondern kann durch zahlreiche Alternativen ersetzt werden (wobei die einfachste, mit einem zentral spielenden Thorgan Hazard, funktioniert).

Unterm Strich ist der Kader der beste seit Jahrzehnten. Das soll kein Ausdruck überhöhter Erwartungen sein, weder soll diese Feststellung Druck aufbauen, es ist schlicht ein Lob: Der sportliche Planungsbeauftragte Max Eberl vollbringt wahre Wunder. Man kann das nicht hoch genug werten.

  • Der Trainer

Als Dieter Hecking den überdrehten André Schubert ablöste, war sofort zu spüren: In der Mannschaft herrscht wieder Ordnung und Struktur. Natürlich ist bekannt, dass Hecking eher zu einer konservativen Sorte Trainer gehört, allerdings gibt ihm der Erfolg recht. Er hat jetzt 35 Bundesligaspiele mit der Borussia absolviert. 57 Punkte sind favresche Dimension. Er hat den Verein erstmals über die Zwischenrunde in der Europa-League geführt und das Halbfinale im Pokal erreicht. Unter Hecking herrscht Verlässlichkeit.

Und dennoch wird gemurrt. Das mag zum einen an dem völlig banalen Fakt liegen, dass er das Bedürfnis nach kauzigen Übungsleitern nicht bedienen will. Verrückte Eskapaden a la Favre oder Weisweiler sind von ihm nicht zu erwarten. Muss auch nicht. Diese Sehnsucht  ist in meinen Augen auch der Grund, warum jemand wie André Schubert sehr lange so gut ankam. Hecking ist da anders.

Aber das ist nicht die Ursache, warum es trotzdem latentes Grummeln gibt. Er lässt ein starres 4-4-2 spielen, er ist mehrfach ausgecoacht worden (man frage nach in Leverkusen, Hamburg, Frankfurt und, und, und …) und wirkt unter Druck oft zögerlich. Dass auch unter ihm – trotz veränderter Physio-Abteilung – die Verletztenmisere nicht endet, wirft Fragen nach dem Training auf. Dinge wie diese überlagern in der Wahrnehmung mutige – und vor allem erfolgreiche – Entscheidungen wie der Verzicht auf Raffael gegen Hoffenheim oder die Bubi-Doppel-Sechs gegen Hamburg. Der Trainer holt die Punkte, die er holen muss. Nicht mehr und nicht weniger. Derart Stabiles ist am offensivdurstigen Niederrhein immer etwas suspekt.

  • Die Spielanlage

Womit wir beim Thema 4-4-2 sind. Die Borussia ist klassisch unterwegs. Das System ist starr. Zwei Innenverteidiger, zwei Außenverteidiger, von denen einer alternativlos, zu offensivlastig und leider nicht in Form ist. (Ja, gemeint ist Oscar Wendt!) Zwei Sechser-Positionen, die je nach individueller Besetzung defensiv oder offensiv gestaltet werden können, zwei Außenspieler, die weniger rochieren als noch in den Vorjahren und mit Stindl und Raffael zwei Stürmer, die diese Rolle immer mehr klassisch erfüllen. Es wird weniger gekippt, rochiert, gewuselt. Vorbei die Zeiten, in denen ein Fundament der Defensive es ermöglichte, vier taktisch gut geschulte Offensivspieler ohne feste Position wild wirbelnd auf den Platz zu werfen. In der derzeitigen Situation wäre dies ein Garant für Gonzo-Spiele wie beim 1:6 gegen Dortmund.

Verbessert – gelinde gesagt – haben sich die Standards. Was Co-Trainer Dirk Bremser mit der Mannschaft studiert hat, ist fast schon sensationell. Allerdings: Am Ende eines Standards steht selten eine herrliche Staffette. Standardtore sind super, aber selten schön. Nein, die Taktik ist langweilig. Eine Ansammlung toller Fußballer in einem starren, klaren Korsett. Das ist effizient – und zieht man die elf Gegentore aus Dortmund und gegen Leverkusen ab – defensiv schon stark. Aber es ist einfach weit weg von der Seele der letzten Jahre. Ob das schlecht ist? Schwierig zu beurteilen – es gibt jedoch Fans, die es nicht so prall finden.

  • Die Punkteausbeute

Könnte ideal sein, ist sie aber wiederum auch nicht. Man hat sämtliche Punkte verdient und ohne Widerrede geholt. 28 sind es am Ende der Hinrunde. Aber, ist es vermessen, an die zwei verlorenen Zähler in Augsburg zu erinnern? Den verschenkten Sieg gegen Leverkusen? Die unnötige Heimniederlage gegen Frankfurt? Das dämliche Unentschieden gegen Schalke?

Rechnen wir es mal mutig: sechs Punkte wurden verspielt (Sieg gegen Augsburg und Schalke, Unentschieden gegen Frankfurt und Leverkusen). Dann hätte die Borussia 34 Punkte und wäre klarer Zweiter. Es wäre keine Sensation, keine Überraschung – sondern in Ordnung. Es muss nicht heißen, dass die Rückrunde ebenso gestaltet werden kann. Aber die verzockten Punkte nerven dann doch irgendwie, auch wenn man der jungen Mannschaft Schwankungen zugestehen muss – egal wie gut sie dann auch ist.

  • Die Möglichkeiten

Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt: Es wird nicht alles ausgeschöpft. Hatte man in den Favre-Zeiten in vergleichbaren Situationen das Gefühl, dass hier alles extrahiert wird, was möglich ist, sind wir aktuell davon entfernt. Ja, es geht mehr! Das ist nicht weiter schlimm – sollte aber nicht verschwiegen werden. Es kann ja auch ein Ansporn sein.

  • Die Konsensclub-Sache

Womit wir bei einer großen Baustelle sind. Es gibt kaum einen Verein, der effektiver klassische Medien eindämmt. Die Borussia hat über die Jahrzehnte ein riesiges Mediennetzwerk ausgebaut. Kein Kanal, der nicht von der Pressestelle des Ex-RP-Redakteurs Markus Aretz bespielt wird. Inzwischen gibt es einen eigenen Podcast, ein eigenes Fanradio. Auf denen kann die “Alles-raushauen-message” jederzeit wohl und breit platziert werden.

Der Verein nutzt geschickt die prekäre Lage der Zeitungen vor Ort, die auf Auflage durch Borussia inzwischen angewiesen sind (Fragt doch mal, womit die Rheinische Post im Sportbereich Reichweite schafft – was anderes als Borussia und Fortuna Düsseldorf werdet Ihr da als Antwort nicht bekommen). Mal ein kritischer Blick auf den Club findet sich kaum – wenn, häufig nur in Blogs. Der Journalist Christoph Biermann nannte den Verein aus Mönchengladbach mal DEN deutschen Konsensclub. Diese Schraube wird inzwischen immer weiter gedreht. Dem Club fehlen Ecken, als Fan kann man sich im Kosmos der vereinseigenen Medien verlieren, das weichgezeichnete Bild ist in misslichen Lagen gefährlich. In der kritischen Phase unter André Schubert war man eher über Kritik empört als vorbereitet. Max Eberls Poltern gegen pfeifende Fans passt da rein. Man fordert ultimative Zufriedenheit von Geistern – wie der mitgedacht-Blog treffend formuliert – die man selber gerufen hat. Eher ein weiter-so am Wohlfühlhimmel, denn Nährboden für ein gieriges Umfeld.

  • Die Fans

Reden wir mal nicht über die Nasen, die gegen Hamburg gepfiffen haben. Sie haben zuviel Aufmerksamkeit bekommen. Oscar Wendt hatte für sie einst die richtige Geste und damit ist von unserer Seite genug gesagt.

Allerdings sollten wir die Fans darüber hinaus im Blick haben. In der vergangenen Spielzeit lief auch zwischen Ultras und Clubleitung nicht immer alles rund. Im von uns verspotteten La-La-Land hat es zu viele Dinge fernab des Spiels gegeben. Zugegeben: Manches von den Ultras nervte, manche der älteren Kurvenkenner verzweifeln ebenfalls. So fehlte mitunter die wirkliche Konzentration auf das Wesentliche – also das Spiel. Im Schlussspurt der vergangenen Saison gab es gar einen zeitweises Schweigen. Die Stimmung im Borussia-Park, sie könnte besser sein. Übrigens auch bei den Fans, die sich zwischen Ultras und dauernörgelnden Event-Guckern einordnen.

  • Die Lösung?

Wir dürfen zufrieden sein mit dem Erreichten. Ja, die Borussia hat sich zu einem der größten Clubs der Liga gemausert, samt tollen Talenten. Diesen Stolz darauf kann man ruhig auch mal etwas mehr zeigen. Und: Ja, wir dürfen auch unzufrieden sein – dass eben vielleicht noch ein bisschen mehr geht und dem von Understatement geprägtem Mönchengladbach ein wenig mehr Streben nach Höherem sicher nicht schaden und vor Stillstand schützen würde.

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