Handtuch umschnallen, Daumen raus und Keine Panik!

P1060891
Redebedarf

Eines muss man Lucien Favre – dem Douglas Adams unter den Bundesliga-Trainern – ja lassen: Der Mann weiß wie man seine Sätze vorbereitet. Hätte er vor dem Spiel bei Borussia Dortmund behauptet, die nachfolgende Partie gegen Mainz wird ein schweres Spiel, hätte es zahlreiche Fans gegeben, die dem wenig Glauben geschenkt hätten. Aufgrund der guten Vorbereitung, der gestiegenen Variabilität des Kaders gepaart mit den Erfolgen der vergangenen Saison, war die Anspruchshaltung vor dem Ligastart mehr als nur ein bisschen gestiegen. Bei aller Demut der Gladbacher – heimlich hat sich bestimmt jeder im stillen Kämmerlein gedanklich mit Titeln auseinandergesetzt. Insofern hätten Favres ständige Beteuerungen vor dem BvB-Spiel nichts gebracht.

Doch jetzt? Hat der Sound eines “schweren Spiels”, in leicht franco-deutschem-Akzent vorgetragen, wieder einen wohligen, vertrauten und vor allem glaubwürdigen Klang. Nach der 0:4-Klatsche gegen den BvB ist erst einmal wieder die notwendige Nüchternheit da. Genau jene, die es anscheinend braucht, um mit der Borussia vom Niederrhein erfolgreich zu sein.

Nicht ungewollte Klatsche?

Da bei Lucien Favre als Trainer nur die wenigsten Dinge zufällig geschehen, könnte man ihm fast unterstellen, genau diese Erkenntnis absichtlich wieder herbei geführt zu haben. Natürlich ist die Vorstellung einer gewollten Chancenlosigkeit im modernen Fußball mehr als abstrus. Aber es war schon auffällig, wie sehr in der Startaufstellung sämtliche Warnungen aus dem Pokalspiel beim FC St.Pauli ignoriert wurden. In der ersten Halbzeit fehlte das Tempo, Abstimmungsprobleme wurden deutlich, auch die Gefahr zeigte sich, mit dem 20-jährigen Marvin Schulz und dem 19 Jahre altem Andreas Christensen eventuell zwei sehr junge Innenverteidiger zu verbrennen.

Trotz der zeitweise brillanten zweiten Spielhälfte in Hamburg – nur die wenigsten hatten deshalb erwartet, dass Favre gegen Dortmund die baugleiche Startelf ins Rennen schicken würde. Doch der oft zögerliche Schweizer bewies Mut und vertraute den selben elf Spielern wie auf St.Pauli. Was sich rächen sollte. Nach dieser Partie ist vor allem deutlich, dass die Kombination Stindl/Xhaka sehr gewagt ist. Granit Xhaka ist nach dem Wechsel von Bastian Schweinsteiger vielleicht der dominanteste  Defensive Mittelfeldspieler der Liga. Keiner interpretiert die offensive Variante dieser Position so gut wie der junge Schweizer. Nur braucht er an seiner Seite einen defensiveren Partner, der gestaffelt hinter ihm steht, auch mal seine riskanten Pässe auffängt, wenn sie schief gehen. In der vergangenen Saison hat sich Christoph Kramer in diese Rolle gefügt. Mit dem für Dortmund gesperrten Harvard Nordtveit gibt es auch im aktuellen Kader einen solchen “Haki Wimmer der Moderne”. Auch Neuzugang Christensen ist geholt worden, um diese Rolle im Notfall zu erfüllen.

Stindl und Xhaka: ein zu offensives Paar

Lars Stindl dagegen ist der vorerst falsche Partner für Xhaka, da auch der Neuzugang aus Hannover die Position im Zentrum offensiv auslegt. Genau dies hatte der BvB erkannt. Der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel setzte gleich drei Spieler auf die beiden an: Gündogan, Kagawa und vor allem der junge Julian Weigl drückten wechselweise immer aggressiv auf Gladbachs Mitte oder lockten die beiden zu weit – mit dem vom BvB gewünschtem Effekt: Jeder Ballverlust im Zentrum wurde bestraft, die aufgerückten Stindl und Xhaka liefen hinterher, die junge Innenverteidigung sah sich einer rollenden Offensivmaschine hilflos entgegengesetzt. Welche Folgen ein solcher Druck verursacht, ist im Fußball bekannt. Die elementarsten Dinge funktionieren nicht mehr.

Zum Beispiel vor dem 2:0. Dortmund kam mit Tempo über außen, in der Mitte formierte sich der restliche Angriff. Die Gladbacher Vierer-Kette konnte nur noch auf einer Linie nach hinten verteidigen. Was eine gute Flanke gegen eine nicht gestaffelte Verteidigung anrichten kann, durfte man dann wenige Sekunden später bei Aubameyangs Kopfballtreffer beobachten. Eine klassische Folge dessen, wenn beide defensiven Mittelfeldspieler zu aggressiv spielen, aber viele Bälle verlieren und die offensiven Spieler zu optimistisch nach vorne gerückt waren.

Favre und die hängende Spitze

Womit wir bei der Offensive wären: Der variable Raffael musste immer wieder zusehen, wie die Bälle verloren wurden. Zudem fand er keine Anspielmöglichkeiten, wenn er am Ball war: Weder der in der Luft hängende Josip Drmic, noch Traoré und Johnson boten sich unter diesem Dortmunder Druck zum Kombinieren an. Raffael verursachte somit ebenfalls diverse Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung. Die dann Xhaka/Stindl – aus den genannten Gründen – schwer auffangen konnten.

All dies war früh abzusehen, wäre zumindest taktisch leicht zu korrigieren gewesen. Aber Lucien Favre zog das “Spektakel” sehr lange ohne jedwede Änderung durch. Erst in der 65. Minute erlöste er den ersten Spieler. Zu diesem Zeitpunkt muss auch der letzte Träumer (wozu der Autor dieser Zeilen zählt) erkannt haben: von einem Titel ist man ohne Demut weit entfernt. Das ist das Lehrreiche aus der Partie in Dortmund.

Aber auch taktisch gibt es weitreichende Erkenntnisse. Harvard Nordtveit dürfte wieder an der Seite von Xhaka auflaufen, in der Innenverteidigung sollte der ewige Roul Brouwers bald wieder neben der einen beiden jungen, großen Talente stehen. Oder Tony Jantschke wechselt wieder ins Zentrum, während U21-Nationalspieler Julian Korb wieder auf der rechten Seite spielt. So verlässlich – auch eine Erkenntnis aus der Partie in Dortmund – präsentiert nämlich keiner im Kader der Gladbacher die Position des rechten Verteidigers.

Drmic und die große Herausforderung

Und offensiv wären wir bei einem vorläufigen Verlierer, mit dem nicht zu rechnen war. Es wäre wenig überraschend, würde Lars Stindl in die Offensive wechseln, sozusagen als Max Kruse mit deutlich besserer Technik. Für Josip Drmic wäre damit vorläufig kein Platz mehr. Denn die Position Traoré/Johnson ist und bleibt die erste Rochaden-Anlaufstelle für Herrmann/Hazard. Auch hier also kein Platz für den Schweizer. Der Ex-Leverkusener ist also gefordert, seine Position als starrer Stürmer zu rechtfertigen.

Ob er das schon bei dem in der Tat schweren Spiel gegen Mainz zeigen darf? Die Antwort gibt es am kommenden Spieltag. Und bis dahin gilt in Gladbach die eiserne Regel aus „Per Anhalter durch die Galaxie“: Einfach das Badehandtuch über die Schulter werfen, den Daumen raus und vor allem eins beherzigen: Keine Panik. Es ist in Dortmund weder eine Saison vor die Wand gefahren worden, noch ein Titel verspielt. Es ist wie immer, seit Lucien Favre da ist: Es gibt keine Probleme und Pannen, nur taktische Situationen, die es zu lösen gilt. Und ebenfalls wie immer: Es wird spannend sein, wie Lucien Favre dies alles lösen wird. Insofern bleibt die Vorfreude auf die Saison bestehen.

1 Kommentar

  1. Endlich mal ein vernünftiger Artikel über das Spiel vom vergangenen Samstag. Was ist in den diversen Foren und in der Presse nicht alles geschrieben worden die letzten zwei Tage, (spielt wie ein Absteiger, Versager, usw.) Fakt ist, wir haben jetzt einen Spieltag hinter uns, wir sind im Pokal eine runde weiter, und genau daraus resultiert auch die mutige Entscheidung die Anfangself vom Paulispiel erneut ins rennen zu schicken, ging leider schief. Jetzt heisst es, nicht lange lamentieren, aufstehen, mund abputzen und in den nächsten Wochen besser machen. Ich freu mich immer noch auf die Saison.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*