Die Taktik aus dem Keller der Liga

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Auf, auf, auf Platz 18

Pokalauftakt-Erfolg, CL-Gruppenauslosung im Hinterkopf, den knackigen ersten Ligaauftritt in Dortmund vor der Brust – aus den sonnigen Augustmomenten sind, nur einen Monat später, düstere Herbstgewitter geworden. Und was für welche!. Borussia steht am Tabellenende, null Punkte, eine 0:3-Rückkehr in der Champions League in Sevilla. Was ist los bei den Fohlen, die vor Monaten noch wie ein Lehrstück für “Fussball ist Mannschaftssport” auftraten, dieser Tage aber eher wie ein Team aus Bubble-Football-Spielern daherkommen?

Es gibt zwei Faktoren, die hier nur kurz angemerkt werden sollen, aber von ebenso großer Bedeutung sind, wie unsere folgende taktische Analyse. Erstens: der Weggang von Kruse und Kramer wirkt sich aus. Damit sind nicht unbedingt die Spieler per se gemeint, sondern die Rolle, die Stabilität, die sie im Favreschen System gefunden und ausgeübt hatten. Beide hatten in der Vorsaison längere Schwächephasen, aber in beiden Fällen war es ein “Soloproblem” – eben das Formtief eines Einzelnen innerhalb eines eingespielten Systems. Zweitens: die Verletzten. In den Aufstellungen dieser Tage fehlten Xhaka (gesperrt), Dominguez, Stranzl, Herrmann und Johnson. Nimmt man den seit dem 2:0 in München rekonvaleszenten Österreicher einmal beiseite, sind die anderen vier wesentliche Stützen der grandiosen Rückrunde (Johnson!) gewesen. Gleichzeitige Ausfälle der Basisspieler fängt vielleicht ein FC Bayern auf, die aufrüstenden Verfolgerteams unter Umständen – Borussia Mönchengladbach jedoch sicher nicht. Auch nicht  als Dritter, 2015.

Formtief, Verletzungen, Taktikgräuel

Warum aber kracht es derart im Gebälk? Warum verdächtigen einige Borussenfans die eigene Familie, rechtzeitig zum Spielanpfiff das TV-Bild klammheimlich auf eine DVD “Worst of Michael Frontzeck” gewechselt zu haben? Das System Favre, das alles dominierende taktische Gerüst, wankt. Nein, es ist bereits eingebrochen. Und dies ist – betrachtet man die ersten beiden Gründe noch als legitimen Versuch der Erklärung – nicht nachzuvollziehen. Wir blicken auf die Baustellen:

Nach der 0:4-Klatsche beim wiedererstarkten BvB hagelte es, in bester Sündenbock-Manier, Kritik an den jungen Innenverteidigern Andreas Christensen und Marvin Schulz. Nur, Verteidiger sehen selten gut aus, wenn die schnellen gegnerischen Offensivkräfte im Vollsprint auf die Viererreihe rennen dürfen. Dabei wusste eben dies jede von Favre geleitete Elf der Borussia in den letzten Jahren noch nahezu vollständig auszuschliessen. Des Weiteren wurde in den nächsten Partien klar, dass es nicht etwa an den feuchten Ohren der Nachwuchsleute lag, dass die Fohlen pro Spiel gefühlt mehr Chancen zuließen als zwischen Februar und Mai insgesamt, sondern auch daran, dass der erfahrene Roel Brouwers oder “Mr. Polyvalent” Tony Jantschke in absoluten Formlöchern stecken. In einer funktionierenden Gladbacher Defensive war es über Monate Routine eines Innenverteidigers gewesen, antizipativ in die Halbräume zum Klären rauszuschreiten, im Verbund mit dem Mittelfeld “Absorptionsräume” für des Gegners Attacken zu schaffen und fast wie im Trainingsmodus hohe Bälle von den Flügeln kommend wegzuköpfen. Die Aussenverteidiger – Oscar Wendt ist seit Wochen einer der positiven Aspekte im Leistungsbrachland Borussia – rücken dementsprechend bei Ballbesitz Gegner allzu oft ohne Absicherung zum Stören hinaus. Lücken auf den Flügeln kreieren dadurch bespielbare Zonen für den Gegner, Sevilla demonstrierte dies mit einigen Doppelpässen durch vorstoßende Spieler. Dies wiederum bedingt enormen Druck auf die zentralen Abwehrleute, selbst den eingerückten Aussenverteidiger der ballfernen Seite, wie gegen Mainz und Hamburg zu beobachten.

Im Zentrum läuft es unrund

Dass all diese Abwehrroutinen nicht im Ansatz funktionieren, liegt vor allem am Mittelfeld, dem Kernproblem der Gladbacher Misere. Das austarierte Pärchen des “wandernden Quarterbacks”, Granit Xhaka, und des “Gefahrenkaputtrenners” Christoph Kramer ist passé. Havard Nordtveit ist ein biederer Ersatz für Kramer, Lars Stindl eher ein Achter, viel eher ein Zehner, den es im System Favre nicht gibt. Im Duo Xhaka/Stindl gibt es keinen, der freiwillig von besagter Acht zwei Nummern subtrahiert – dies war die Hausaufgabe der Vorbereitung, war denn Stindl als Kramer-Ersatz vorgesehen, und muss als (vorerst) grandios gescheitert angesehen werden. Die Vorahnungen der “Halbraumlöchrigkeit” aus dem St.Pauli-Spiel, durch einen Sturmwirbel nach der Halbzeit übertüncht, wurden zum Bundesligaauftakt schonungslos aufgedeckt und bis zum Zerriss vom Gegner vergrößert. Die Konsequenz: Die Balance zwischen eng verschiebenen Viererreihen mit ballfern eingerücktem Flügelspieler und bei Ballbesitz sich schnell formenden Dreiecksformationen ist komplett hinüber.

Gladbachs Offensive ist dadurch auf drei Gruppen isoliert: Auf der Außenbahn zwingen sich Ibrahima Traoré, Thorgan Hazard oder Patrick Herrmann in ineffektive Läufe ohne Passempfänger. Zentral ist Raffael – zudem formschwach – auf sich alleine gestellt. Die Fähigkeit, mit der ersten Bewegung am direkten Bewacher vorbei zu kommen, hat der Brasilianer auch in schlechten Spielen, nur reibt er sich in der aktuellen Pleitenserie dann in sinnlosen Dribblings oder Endlosläufen auf – hier muss er zwingend die räumliche Nähe zu den Aussen oder dem Sturmpartner suchen, aber auch von der Mannschaft “gereicht” bekommen. Fallen alle diese Punkte wie in der derzeitigen Situation zusammen, ist es fast egal, ob vorne ein Josip Drmic (bei den derzeitigen Harakiri-Leistungen des Gesamtgefüges verbietet sich die Bewertung eines Neuzuganges mit derartigem Offensivprofil), ein sich aufreibender André Hahn oder gar Branimir Hrgota oder Stindl den “Stürmchenpartner” für Raffael mimt. Zudem sind bei der momentan herrschenden Kollektivkarenz die meisten Pässe schwer zu verarbeitende, fern des Strafraums erfolgende Anspiele.

Stürmische Tage im Herbst

Nimmt man all diese Nahaufnahmen der Mannschaftsteile zusammen, so ergibt sich der verwackelte Schnappschuss, den die Borussia in diesen Tagen abgibt. Es ist nach wie vor ersichtlich, inwiefern sich die Punkte Abgänge und Verletzte negativ auswirken. Das in sich zusammengefallen System jedoch lässt einen entsetzt zurück – sah es doch in der Vorsaison noch so aus, als sei der Rhythmus der Mannschaft gerade eben durch Einzelfälle oder “Baustellen” nicht aus der Ruhe zu bringen. Dies ist nun mehr als deutlich geschehen, und eine sofortige Justierung ist kaum zu erwarten – 20 ansprechende Minuten in Sevilla mussten in der Nachbetrachtung von Max Eberl als Fortschritt verkauft werden. So wie man am stürmischen Herbsttage jeden Sonnenschein willkommen heißt. (mfb)

2 Kommentare

  1. Man kann eine schlechte Phase haben in der nichts zusammen läuft, in der einem nichts gelingt. Aber hier sieht man Spieltag für Spieltag eine Mannschaft die auch nicht kämpfen kann. Das Zweikampfverhalten ist stümperhaft und dies wiegt für mich schwerer. Wenns spielerisch nicht läuft muss man sich ins Spiel kämpfen aber wer kämpft den da?

    • Hi Karsten,
      ich denke, dass das Kämpferische durchaus zufriedenstellend ist. Diese Eigenschaft wird immer plakativ als fehlend angeprangert, sobald Spiele verloren gehen. Einige Spieler haben sogar gegen den HSV, aber sicher gegen Sevilla und Köln geackert. Das ist mittlerweile Standard im Fussball. Ich glaube weiss Gott nicht, dass es an der „Kampf“-Einstellung liegt. Auch wenn das Spielsystem unserer Mannschaft weniger über das Körperliche kommt, was von aussen vielleicht als der vielgeschmähte technische, aber im Zweikampf harmlose Fussball (Paradebeispiel: Raffael) daherkommt. Die Statistiken belegen „nicht kämpfen“ ja auch nicht.
      Gruss
      Manuel

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