Die Kunst des Selbstverständlichen …

Europa-Freuden
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Was für eine Saison! Wenn es eines auszusetzen gibt an dieser Spielzeit 2014/15, dann höchstens, dass noch mehr möglich gewesen wäre. Hätte die Borussia bereits in der Hinrunde mit der gleichen Selbstverständlichkeit gespielt, wie sie das in der Rückserie getan hat, dann würden wir heute hier an dieser Stelle über den Meistertitel schreiben, davon bin ich überzeugt.

Selbstverständlichkeit, für mich das entscheidende Kriterium für die Leistung der Mannschaft in dieser Saison. Am Anfang war gar nichts selbstverständlich. Los gings mit dem beinahe verkorksten Heimspiel gegen Stuttgart, in dem Christoph Kramer in letzter Minute soeben noch das 1:1 sicherte, dann ein 0:0 in Freiburg. Immerhin zwei Punkte gegen zwei Teams, gegen die man sich in den letzten Jahren traditionell schwer tat, mehr aber auch nicht. Das 4:1 gegen Schalke deutete an, wozu die Mannschaft in Lage ist, danach folgte aber ein 0:0 in Köln, was ich vor allem deshalb in Erinnerung gehalten habe, weil ich noch nie so viel Geld für kein Fußballspiel bezahlt habe wie für diesen Nichtangriffspakt in Müngersdorf.

Schleppender Start

So ging das weiter bis in den November. Die Mannschaft gewann knapp in der Bundesliga, meist hoch in der Europa-League, hier und da in beiden Wettbewerben ein Unentschieden. Mal ein formidables 0:0 gegen Bayern, mal ein ärgerliches 2:2 gegen Mainz, das auch 6:2 hätte enden können. Selbstverständlich war in dieser Phase eines: Borussia verliert nicht! Und so stellte das Team fast nebenbei auch noch einen vereinsinternen Rekord auf: 18 Pflichtspiele ungeschlagen, das hatte es auch unter Hennes Weisweiler nicht gegeben. Selbstverständlich war in dieser Phase aber auch eine gewisse Selbstzufriedenheit. Nicht verlieren schien zu genügen, allzu oft blieb es dann doch bei dem einen Punkt, der besser ist als keiner, aber eben deutlich schlechter als drei.

Und dann kam Dortmund. Das Eigentor von Christoph Kramer dokumentierte, wie leicht aus Selbstvertrauen Überheblichkeit werden kann. Das gleiche passierte im folgenden Heimspiel gegen Frankfurt. 20 Minuten wurden die Hessen derart an Wand gespielt, dass wohl auch die Spieler auf dem Platz schon anfingen, die weiteren Wochenendfeierlichkeiten zu planen und dabei vergaßen, dass so ein Gegner sich auch noch wehren kann. Ergebnis: eine 1:3 – Heimniederlage. Der Rest der Hinrunde war viel Krampf: Niederlagen in Wolfsburg und Augsburg. Klar blieb die Borussia oben dran, aber die Selbstverständlichkeit war dahin. Die Meisterschaft wurde im November und Dezember verspielt. Keine Kritik, eine Feststellung…

Eine eher schlechtere Hinrunde

Und die Schwarzmaler ahnten schon damals: Das war nur ein Vorgeschmack auf die Rückrunde, denn in der schneidet Borussia ja traditionell schwächer ab als in der Hinserie. Dann aber kam alles ganz anders: Zum Rückrundenstart legte das Favre-Team vier saubere 1:0-Siege hin, die zweierlei belegten: das Wissen um die eigene Stärke war zurück, und: Diese Mannschaft gewinnt ihre Spiele in der Defensive. Gegentore – eine Rarität. Ganze sechs Mal musste Yann Sommer in den 16 Bundesligaspielen 2015 hinter sich greifen, nur in Mainz gab es zwei Gegentore. Und da sind wir wieder bei der Selbstverständlichkeit: Der Schweizer Keeper, übrigens Torwart des Jahres bei der Sportschau, strahlt die Überzeugung aus, nichts reinzulassen, das geht auf die Verteidiger über. Und wenn man weiß, dass hinten nichts passiert, treffen auch die Offensivspieler.

Hinzu kommt die taktische Flexibilität. Die Borussia 2015 ist an Variabilität kaum zu überbieten. Sie kann ballbesitz-orientiert dominant auftreten, sie kann es aber auch sein lassen und mal den Gegner kommen lassen. Bestes Beispiel: das 3:0 gegen Leverkusen. Die Werkself wollte Borussia mit ihrem dominanten hohen Pressing überraschen. Das führte zwar zur optischen Überlegenheit, aber die Chancen erspielte sich Gladbach – eben weil Lucien Favre mit genau diesem Spiel gerechnet hatte. Und so ist es auch kein Zufall, dass so viele entscheidende Tore in den Schlussminuten fielen (Wolfsburg,  Köln, Hamburg, Hertha). Die Mannschaft glaubt bis zum Schluss an sich und bleibt fokussiert. Das funktioniert, weil ein Glaube in allen Köpfen steckt: Selbstverständlich gewinnen wir dieses Spiel: In München heißt das “Mia san mia”…

Kadertiefe ohne Murren

Und noch ein entscheidender Faktor: Zum Selbstverständnis dieser Truppe zählt auch, dass zu einer Mannschaft mehr als elf Spieler auf dem Platz gehören. Da meckert keiner, wenn er mal nicht  im  Aufgebot steht. So sehr die (Boulevard-) Medien es sicher begrüßen würden, wenn ein André Hahn etwa oder Branimir Hrgota sich unzufrieden über ihr Reservisten-Dasein äußern würde – es passiert einfach nicht. Jeder weiß, dass er genauso schnell in der Mannschaft sein kann und auch wieder draußen. Keiner ist gesetzt, keiner abgeschrieben, und jeder hat seinen Anteil am Erfolg. Und jeder akzeptiert das mit großer Selbstverständlichkeit.

Selbstverständlich gehört immer ein Stück weit auch Glück dazu, große Erfolge zu erreichen. Und deshalb ist es nicht selbstverständlich, dass es jetzt immer so weiter geht. Die Abgänge von Christoph Kramer und  Max Kruse müssen kompensiert werden. Die Chance, dass das gelingt, ist groß. Die Championsleague-Teilnahme eröffnet neue Möglichkeiten. Und deshalb glaube ich: Gelingt es, die Mentalität des selbstverständlichen Gewinnen-Könnens zu erhalten, dann muss Platz 3 (oder 2) nicht das Ende der Fahnenstange bleiben. Selbstverständlich nicht …

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