Adlerauge bleib wachsam

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Sie kommt also – entgegen des Wunsches der Schiedsrichter – nicht: die Torlinientechnik. Das Wunderwerk “Hawk Eye”, das Adlerauge auf der Linie, fand nicht die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit der Profi-Clubs. In unserer Redaktion war und ist das Thema umstritten. Nach dem Phantomtor durch Stefan Kießling beim Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen hatten wir bereits Pro und Contra abgewogen. Auf einen gemeinsamen Nenner kamen wir Halbangst intern nicht. Aber wir treffen ja nicht die Entscheidung. So kann jetzt unsere Contra-Seite jubeln. Aber objektiv betrachtet bleibt es dabei: Ob mit oder ohne Technik – den schlussendlichen “Stein der Weisen” wird es bei diese Thema so schnell nicht geben.

Obwohl sich eigentlich das gewichtigste Argument durchgesetzt hat, auch wenn es bei der Entscheidungsfindung durch den Ligaverband augenscheinlich keine Rolle gespielt hat: Fußball ist nämlich ein egalitärer Sport. Die Regeln sind für alle gleich. Egal, wo man ist oder welche Liga man schaut: Die Torlinientechnik wäre die ultimative Trennlinie zwischen Amateur- und Profifußball. Und, sie kostet Geld. Dies scheint nicht ganz unwichtig für die Clubs. Auffällig wird dies, wenn man sieht, dass sich in der umsatzstärkeren ersten Liga neun Vereine für die Technik ausgesprochen haben, in der finanzschwächeren zweiten Liga allerdings nur drei. Und schaut man speziell auf die erste Liga, dann zeigt sich hier nach der geheimen Abstimmung, dass bis auf Schalke die Befürworter zu denen gehören, denen die Euros für die Installation des Adlerauges im Grunde qua Umsatz ziemlich egal sein können. Womit wir wieder beim egalitären Argument wären, was Hawk-Eye definitiv aushebeln würde. Aber damit befindet man sich auch auf der Linie der FIFA. Und die benutzt die Gleichheit der Regeln gerne dafür, nichts fundamentales am Regelwerk zu ändern, was ärmere Mitgliederverbände in Not bringen könnte. Und bei der ein oder anderen korrupten Entscheidung spielten zuletzt eben jene Verbände die entscheidende Rolle, den Kopf manch eines FIFA-Offiziellen zu retten. Es ist somit auch ein Argument des Machterhaltes durch Innovationshemmnis.

Womit wir beim Argument für die Technik wären. Mit einem schneller Pieper, sobald der Ball hinter der Linie ist, wäre der Prozess transparenter. Man müsste nicht mehr darum betteln, eventuell eine Erklärung des Unparteiischen zu hören, warum er so oder anders entschieden hat. Die Diskussion des Für-und-Widers, die hölzernen Funktionärsaussagen wären passé. Drin ist drin, ist drin, ist drin. Und genauso verhält es sich mit dem Ball vor der Linie. Insofern steht die Torlinientechnik sinnbildlich für ein Stück mehr Offenheit, weniger medialen Hype um Torentscheidungen, über die sich in atemberaubendem Tempo sinnfrei der Kopf leer gelabert wird. Somit wäre auch endlich mal an dem “Hinterzimmer-Funktionärs-Fußball” gerüttelt. Alles natürlich unter dem Vorbehalt, dass die Technik auch zuverlässige Ergebnisse liefert.

Beide Argumente sind also stichhaltig. Daher wird es auch nach der Entscheidung mehr als schwierig, alle Seiten auf einen Nenner zu bringen. Zumal: Selbst mit elektronischer Hilfe kann es noch Irritationen geben. Den Fehlerfaktor Mensch wird man auch mit dem elektronischen Adlerauge nicht abstellen können. Schauen wir dazu mal auf eine andere Sportart. Im Eishockey gibt es nämlich schon lange den Videobeweis. Den kann der Schiedsrichter bei eigener Unsicherheit nutzen. Da fängt das Problem aber bereits an. Wann zeigt er ihn an? Was sieht er? Selbst Bilder können oft unterschiedlich interpretiert werden. Zwar ist es beruhigend, dass manch eine Pfeife in Weiß-Schwarz nicht das einzige Augenpaar mit Beurteilungsallmacht ist. Allerdings bleibt am Ende die Tatsachenentscheidung dem Unparteiischen vorenthalten. Das sollte man beachten. Denn was ist zum Beispiel, wenn im Fußball der Schiedsrichter die Technik für fehlerhaft hält, sie überprüfen lässt und dann überstimmt? Dieses Recht der letzten Entscheidung wird dem Schiedsrichter auch mit Hilfsmittel nicht zu nehmen sein und da hätten wir sie wieder, die ganzen nicht mehr gewollten Diskussionen.

Damit nicht genug: Im Eishockey stiftet der Videobeweis aufgrund der Regelauslegung noch weitere Verwirrung. Der Internationale Eishockeyverband gibt in Regel 330 gleich sieben Kriterien vor, wann der Schiedsrichter einen Videobeweis durchführen darf. Soweit so klar. In der Deutschen Eishockey Liga gibt es aber Erweiterungen. Im Gegensatz zu den internationalen Regeln kann man in der DEL auch Fernsehen gucken gehen, um zu prüfen, ob Torraum-Abseits vorlag. Alles klar? Natürlich nicht! Selbst mit technischen Hilfmitteln wird vieles nicht unbedingt leichter. Es wird bestimmt auch im Fußball ähnliche Diskussionen geben und Abwandlungen der Ursprungsregel. Also gewinnt man unter Umständen wenig mit der etwas anders gearteten Torlinien-Technik. Was man aber nicht genau sagen kann. Daher bleibt es dabei – ob Hilfsmittel für den Schiedsrichter richtig oder falsch sind – so genau wird man es derzeit nicht auflösen können. Und dann kommt es auf die Mehrheit der Profi-Clubs an. Diese haben gesprochen und das gilt es jetzt erst einmal zu akzeptieren. Zumindest bis zum nächsten Phantomtor … (cu)

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