Düsseldorf bemüht mal wieder die Konserve

Lange nichts mehr über die Sportstadt Düsseldorf zu meckern gehabt. Das lag wohl auch an einer ruhigen und sachlichen Phase seit die CDU nicht mehr das Rathaus dominiert. Mit einer Zusammenlegung im Handball besinnt man sich aber wieder auf die Sünden der Vergangenheit.

Düsseldorf ist eine Stadt, die – auch im Sport – den Event liebt. Wir erinnern uns an den durchschlagenden Erfolg Rhein Fires – eben jenem Football-”Verein”, der 2007 dem Aus der NFL-Europa zum Opfer fiel und bis dahin im Schnitt mehr Zuschauer in die Arena zog als in Teilen die aktuelle Fortuna-Mannschaft. Das ist die eine Seite. Vergessen sind dagegen zwei andere Versuche, die Düsseldorfer für den Sportevent zu begeistern.

Konserve ist nicht immer ein Erfolg

Im Castello, einer Halle im Düsseldorfer Süden, konnten sich die angesiedelten Clubs nicht durchsetzen. Im Basketball scheiterte das künstliche Produkt Düsseldorf Giants. Aus dem Nachfolgefranchise der einst erfolgreichen Bayer-Basketballer aus Leverkusen wurde am Ende ein von Fragwürdigkeiten geplagter Zweitligist, der inzwischen von der Bildfläche verschwunden ist. Und auch die Handballer der HSG Düsseldorf konnten sich nicht in der Bundesliga etablieren und verschwanden Geld- und Erfolglos in der Versenkung.

Seit Jahren steht also das Castello leer, eine in der Ägide Joachim Erwin gebaute Halle. Eine Zeit, in der nur in großen Kategorien gedacht wurde. Nun gut, diese Zeiten sind vorbei, in denen von einer Fortuna in der Champions-League halluziniert wurde. Aber das Castello steht halt noch. Entsprechend nachvollziehbar ist natürlich das Bestreben der aktuell Verantwortlichen, irgendwas in die Halle zu bekommen, will man diese nicht abreißen.

Handball made in Neuss

Dennoch ist die jetzt vorgestellte Idee sehr, sehr lustig und für Nostalgiker eine Reise in die Zeit Joachim Erwins. Die Handballer des viertklassigen ART Düsseldorf kooperieren mit den Drittligawerfern des Neusser HV. Feiner Nebeneffekt: Der NHV steigt wahrscheinlich in die Zweite Liga auf. Also spielt im Castello ab Sommer – wenn nicht viel schief geht – ein Zweitligist. Das klingt in Ordnung und ist einen Versuch wert. Aber alleine der Name des Projekts lässt schlimmstes hoffen: Rhein Vikings soll es heißen. Was auch immer Wikinger mit Neuss oder Düsseldorf zu tun haben.

Genau da fängt es schon an: Der Name ist bemüht, wie so häufig wenn man was Künstliches schafft. Hinzu kommen die Hintergründe der Zusammenarbeit. Neuss liefert den sportlichen Aspekt; Düsseldorf hat die Halle und das Geld. Allerdings: Zuschauer haben beide nicht genug, um das Castello zu füllen. In Neuss sind es zwar einige Hundert mehr als in Düsseldorf, zusammen aber sicher keine 1.000. Wenn man dann noch bedenkt, wie tief in Neuss das Mißtrauen gegenüber allem, was aus Düsseldorf stammt, verankert ist, fragt man sich schon, wieviele “Fans” des NHV über den Rhein folgen werden?

Um es mit Joachim Erwin zu halten: Der sagte, Wochen vor seinem Tod, dem Autoren dieser Zeilen, wie wenig Lust er habe, interkommunale Zusammenarbeit mit den Neussern weiter voran zu treiben. Damals sprach seine jahrelange Erfahrung mit dem Nachbarn aus eben jenem Mann, der hin und wieder an die Eingemeindung der überkatholischen Schützenenklave in der Nachbarschaft laut nachdachte. Die Reaktionen auf diesen Vorschlag der latent immer eher preußischen Landeshauptstadt kann man sich vorstellen: In Neuss, wo der örtliche Pfarrer von Roms und Kölns Gnaden ist, stand man überhaupt nicht auf Erwins Ideen und zeigte das auch deutlich. An dieser friedlichen aber nicht sich liebenden Koesxistenz der beiden Städte hat sich im Kern bis heute nichts geändert. Man pflegt halt eine weiterhin gesunde Distanz – selbst wenn es in den letzten Jahren ein politisches Tauwetter zwischen den Städten gegeben hat.

Keine Kooperation auf den ersten Blick

Das zeigt auch, dass die nach Kooperation suchenden Düsseldorfer offenbar nicht zuerst in Neuss gefragt haben. Erst nachdem man sich Absagen in mit Dormagen (63.000 Einwohner), Ratingen (91.000) und Korschenbroich (33.000) abgeholt hatte nicht zusammenkam, fragte man im großen Neuss (150.000) an. Eine Liebesheirat sieht anders aus. Zumal die Neusser Braut nun auch nicht gerade hübsch erscheint. So übernimmt einer der Hauptunterstützer des Neusser Handballs die finanzielle Geschäftsführung der künftigen Vikings. Dabei handelt es sich um Thomas Koblenzer, ein Steuerfachmann, der in Interviews gerne mal über die Umverteilung von reich zu arm klagt, staatliche Sozialleistungen infrage stellt und darüber sinniert, dass sich Menschen wieder mehr anstrengen müssten, um sich einen solchen Flachbild-Fernseher kaufen zu können. Die Liste, seiner in renommierten Medien erschienenen Kommentare, die mindestens neoliberal (im schlechten Sinne) sind, ist lang.

Ob das viele Menschen sympathisch finden werden? Auf jeden Fall sind die Startbedingungen, der ganze Grundton dieser Kooperation, derart zweifelhaft, dass es kaum vorstellbar erscheint, dass die Vikings ein Erfolg sein können. In dieser Skepsis ist die Frage noch gar nicht enthalten, was passiert, wenn die Neusser Seite dieses Handballprodukts darauf besteht, dass auch hin und wieder Spiele in der ehemaligen Hansestadt ausgetragen werden. Solange die Vikings zweitklassig sein werden, vielleicht sogar erstklassig, ist daran kaum zu glauben. In Neuss gibt es an Hallen nur solche mit anständig Turnmattenmief. Die kommen garantiert erst wieder zum Zug, wenn – nach einem profunden Regen an Freikarten – das Castello bei den Vikings leer bleiben sollte und das Projekt dann doch nicht so ein erfolgreich war, wie man dachte. Anders als die Verantwortlichen beider Seiten denken, kann das aber schon ganz bald der Fall sein.

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