Der (aktuell) richtige Mann

Dieter Hecking ist Trainer von Borussia Mönchengladbach. Der Verein wagt mit ihm einen Neuanfang, die talentierte und spielerisch gute Mannschaft wieder aufzubauen. Die Chancen, dass ihm das gelingt, sind nicht schlecht.

Es ist oft so eine Sache mit den frommen Wünschen: In den seltensten Fällen bekommt man sie. Entsprechend enttäuscht mag der ein oder andere gewesen sein, als mit dem 52-Jährigen Hecking jemand Trainer wurde, der nicht den besonders hohen Überraschungsfaktor besaß. So logisch die Verpflichtung des erfahrenen Übungsleiter erscheinen mag, der Westfale ist nicht gerade heißblütig von den Fans empfangen worden.

Aber das ist auch nicht schlimm. Zum einen, weil auch Lucien Favre nicht besonders euphorisch empfangen wurde, zum anderen, weil es aktuell auch keine weiter progressive Lösung braucht, die Fans neue Systeme und taktische Finessen näher bringt. Nein, die Borussia braucht erst einmal wieder ein Korsett und eine klare Linie. Nach dem taktischen Tüftler der 1.000 Ideen, der André Schubert war, braucht die verunsicherte Mannschaft sicher keinen weiteren theoretischen Input neuester Spielarten.

Ein stets erfolgreicher Trainer

Sie braucht eine neue Biederkeit. Im Grunde steht Hecking genau dafür. Und selbst wenn er nicht so lustig verhuscht wie ein Lucien Favre daher kommt sondern eher westfälisch klar und knapp, liegt vielleicht am Ende weniger zwischen den beiden Trainern, als man glauben mag. Da ist zum einen die Bilanz: Dieter Hecking hat – wie Favre – aus noch allen Mannschaften mehr rausgeholt, als man erwarten konnte.

Heckings Name ist untrennbar mit dem märchenhaften Aufstieg Alemannia Aachens verbunden, er hat die Grundlage für die internationale Phase von Hannover 96 gelegt, hat den 1.FC Nürnberg erfolgreich verjüngt und mit Wolfsburg bewiesen, dass er auch ein sensibles Starkonstrukt – im Ansatz vielleicht vergleichbar mit der aktuellen Borussia – zu Titeln führen kann. Kritiker führen an dieser Stelle gerne an, dass er am Ende in Wolfsburg gescheitert sei. Wer sich allerdings mal in der Sportszene umhört, bekommt ein anderes Bild gezeichnet, warum der Sport in der VW-Stadt Probleme hat.

Der Abgasskandal hat (nicht nur) beim VfL die Zeiten des großen Geldes beendet, es sind Unsicherheiten entstanden. Eine Atmosphäre, in der die Politik den Sport eingeholt hat. Dass der VfL nach Hecking keine große internationale Trainerlösung gesucht hat, ist Sinnbild genug. Insofern sollte man das Ende in Wolfsburg nicht zu sehr als Malus anbringen.

Gleiche Logik wie bei der Favre-Verpflichtung

Eher sollte man sich freuen, dass ein Trainer da ist, der mit der Mannschaft ein verlässliches Konzept entwickeln kann. Wir erinnern uns: Unter Lucien Favre wurde ein 4-4-2 gespielt, das stets gesetzt war. Für die Spieler bedeutete dies eine Konstante, auf deren Fundament die Lösung situativer Herausforderungen individuell mit dem Spieler trainiert und erarbeitet werden konnte. Klar gesagt: Es gab eine Leitlinie, innerhalb der spielintelligent agiert werden konnte und durfte.

Hecking wird es wohl ähnlich lösen. Er wird jetzt ein System mit der Mannschaft erarbeiten, dass zu ihr passt. Ein System, aus dem heraus sich wieder sichere Abläufe ergeben. Wir werden also einen gewissen ‘Roll-Back’ erleben, an dessen Ende nicht unbedingt das gleiche 4-4-2-System wie bei Lucien Favre stehen wird. Aber es ist der Versuch, einen ähnlichen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen, wie es bei Lucien Favre 2011 in unstabilster Lage der Fall war. Insofern ist also Dieter Hecking zwar keine Verpflichtung, bei der einem vor taktischer Freude der Atem stockt. Aber es die folgenrichtigste, weil sinnvollste Entscheidung, eine großartige Mannschaft, die augenscheinlich enger geführt werden muss, wieder zurück zu erfolgreicher Selbstsicherheit zu führen.

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