Die Stagnation der Ultras

In Bochum zünden die Düsseldorfer Ultras ungeachtet jedweder Spiellage, die in Mönchengladbach springen – beleidigt von Kritik an ihnen – auf den Pressehass-Zug auf, und da war ja noch Dortmund. Die Ultras machen das, was sie seit Jahren machen. Nur langweiliger, nerviger und beleidigter.

Heimspiel gegen Schalke: Für mich ist das seit Jahren das schönste Spiel des Jahres. Noch nicht einmal wegen der positiven sportlichen Bilanz, sondern vor allem wegen des Drumherums: Da sind zum Beispiel die Fans eines Vereins, der, wie wir, Dortmund und Köln nicht mag. Schalke ist ein etwas weiter entfernter Nachbar, der – ebenfalls wie wir – seit Jahren auf Titel wartet und dabei – da wiederum im Gegensatz zu uns – den eigenen Ansprüchen hinterher hechelt. Gladbach gegen Schalke ist ein Duell ohne Konsumopfer, ohne Dorfultras, ohne Hamburger-Kölner-Dortmunder Größenwahn. Im Stadion ist es perfekt – eine Begegnung zehntausender Fußballprolls unterschiedlicher Herkunft.

Gladbach gegen Schalke – der beste Protest gegen RBL

Will man Red Bull Leipzig einen wirklich kreativen Protest entgegen setzen, man muss nur diese Partie zelebrieren, um den Unterschied zu Konstrukt-Vereinen aufzuzeigen. Das gilt auch für eine Partie wie Bochum gegen Düsseldorf, die einen Tag vor dem Schalke-Spiel stattfand. Das Problem daran ist nur: Es gibt eine Minderheit im Stadion, der wird man das Schöne solcher Spiele nicht (mehr) verklickern können. Bei beiden Festen des klassischen Fußballs fielen Ultragruppen aus der Rolle.

In Bochum zündelten sich die Fortuna-Ultras den Wolf. So schön Pyros für mich als Freudenfeuer sein können, so bescheuert war ihr Einsatz am Freitag. Es wurde gefackelt um der eigenen Hybris willen. Um Sport kann es nicht gegangen sein. Dann nämlich hätte man die Mannschaft unterstützt, bei Fehlpässen aufgemuntert, sie in einer schwierigen Situation nach vorne gepeitscht. Nur mal so zur Info: Fortuna hat gut gespielt, lag unglücklich hinten, bei einer Niederlage hätte Abstiegskampf gedroht. Kurz gesagt: Die Saison hätte kippen können. In solchen Situationen die fackelnde Selbstfeierei zu wählen? Gut, kann man machen. Dann liebt man sich selber nur mehr als den Verein.

Ultra: langweiliger als “Fußball-Ficken-Alkohol”-Aufnäher

Jetzt ist der Vorwurf nicht neu, dass sich Ultras wichtiger nehmen, als andere Fans, das Spiel und die Welt überhaupt. Die Diskussion ist so alt wie langweilig. Und genau das ist das Problem: Inzwischen nervt die ganze Ultra-Scheiße genauso wie der hundertste “Fußball-Ficken-Alkohol”-Aufnäher auf einer 80er- und 90er-Kutte. Es ist einfach nicht mehr spannend. Da ist diese ganze Dauersingerei ohne Bezug zum Spiel. Da sind die Pyros, die kaum mehr Emotionen nach bewegenden Spielszenen ausdrücken. Und da sind die permanenten Banner und Choreos mit verklausulierten Botschaften, für die es ‘nen Beipackzettel braucht.

Womit wir wieder in Mönchengladbach sind. Die Ultras dort standen – zugegeben – Mitte Februar 2017 vor einer schwierigen Aufgabe. Nach den Angriffen der Dortmunder Ultras auf Leipziger Trikotträger war Leipzigs nächstes Auswärtsspiel in Gladbach. Natürlich hat das die Aufmerksamkeit schlagartig auf diese Partie gelenkt. Wo man sonst einfach, wie jeder andere, ohne größere Aufmerksamkeit gegen das Marketingkonstrukt RB protestiert hätte, stand man auf einmal im Fokus. Eine dämliche Ansage vom Vereinspräsident, wie der Protest auszufallen hätte, höheres Sicherheitsaufgebot, und, und, und. Natürlich: Das ganze Vorgeplänkel zu Leipzig war hysterisch.

Wo ist die Lässigkeit geblieben?

Was ich allerdings nicht verstehe: Warum können sich Ultras nicht ein einziges Mal davon freimachen und die Hysterie ignorieren? Statt einfach nur bessere Stimmung als sonst zu machen, für eine gute, klassische ‘roar’-Atmosphäre zu werben und auf den ganzen “Die-Hard-Banner-Scheiß” zu verzichten, tappen sie voll in die Falle: Zu Beginn setzen sie einen Schweigeprotest durch. 19 Minuten lang, um – ganz ungedrechselt und leicht verständlich – die Traditionsmarke 1900 zu symbolisieren. Das Problem an der Nummer: Nicht-Ultras hielten sich nicht dran. Vor den Augen der Leipziger Konsumfans, schön für jeden zu sehen, wurde mal eben die ganze Zerissenheit der Kurve gezeigt. Als obendrauf der Gästeblock in die Stille mit “Hier regiert der RBL” platzte, wurde das ganze komplett zur peinlichen Lachnummer. 

Die das Spiel über dauerhaft gezeigten Banner – geschenkt. Die meisten zu bemüht, eines inhaltlich daneben, in der Summe ein dämlicher Protest; der nur passiert, wenn eine laute Minderheit verlernt hat, sich mit der Mehrheit anständig auseinander zu setzen, sie bei vermeintlich sinnvollen Dingen vernünftig mitzunehmen (das Anbringen eines Kurvenflyers auf jedem Sitzplatz, der einen vor vollendete Tatsachen stellt, reicht nicht!). Vielen Ultragruppen scheint die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich kritisch mit dem eigenen Schaffen auseinander zu setzen.

Diese bösen, bösen Medien

Womit wir in der Gegenwart angekommen sind. Vor dem Schalke-Spiel hängt auf einmal vor der Gladbacher Nordkurve ein Banner mit Kritik an RP-Kollegen. Diese seien “Schmierfinken und Unwissende, die die Pressefreiheit für sich instrumentalisieren.” Was haben Sie gemacht? So ganz zu klären ist es nicht. Klar, die RP hat Kritik an dem angesprochenen, geschmacklosen Banner geübt, insgesamt kritisch über die Aktionen gegen Leipzig berichtet. Auch bei der Berichterstattung über den – inzwischen in erster Instanz wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilten – ehemaligen Capo der Ultras kann man geteilter Meinung über die RP sein. Wie bei so vielem. Aber was man ihr nicht vorwerfen kann, ist der Missbrauch der Meinungsfreiheit, nur weil einem ihre Kritik an einem selber nicht gefällt.

Zumal ich mich auch dieses Mal frage: Warum das Leipzig-Thema noch einmal aufwärmen? Warum das Stadion vor diesem wichtigen Spiel mit dieser Jammerei über die örtliche Lokalzeitung langweilen? Wieder einmal würde ich einfach antworten: Sowas passiert nur, wenn man sich wichtiger nimmt, als das, wofür man gekommen ist. Ich frage mich ernsthaft, ob irgendein Ultra noch in der Lage ist, sich sportlich auf ein Spiel zu freuen. Ohne dabei angestrengt darüber zu sinnieren, ob es dazu nicht einen größeren Ultra-Kontext braucht? (Meine Antwort: “NEIN, SCHAUT(!!!) EUCH EINFACH DAS VERDAMMTE SPIEL AN!”)

Ultra, so schön wie einst die Kutten

Im Grunde steckt Ultra, diese eigentlich sehr aufgeklärte und in weiten Teilen kluge Fankultur, in der Krise. Selbst gelegentliche Verteidiger, wie ich einer bin, sind nur noch vom immergleichen genervt. Die Ultrakultur braucht dringend eine Veränderung, eine Neujustierung dessen, wie man sich im Stadion einbringen will. So, wie aktuell, kann es nicht weiter gehen. Da ist Ultra inzwischen mehr Kutte, als man es je sein wollte. Auch der Jeansjacken war man nach so rund 20 Jahren irgendwann überdrüssig. Zur Info: Die ältesten, noch aktiven Bundesliga-Gruppen sind von 1997…

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