Ballspielverein klingt wie Rasenball – ist nur schlimmer

Wochenlang nervten uns Fans eines hippen Traditionsclubs aus Dortmund mit ihrem kreativen Protest, den sie gegen RB Leipzig geplant haben wollten. Wer Ahnung hatte, dem schwante angesichts des medialen Trommelfeuers nichts Gutes. Das Lustige an der Sache ist: wider Erwarten wussten die Dortmunder doch zu überraschen.

Vielleicht starten wir mal einfach mit einer BvB-Geschichte, wie sie dem ein oder anderen, der Freunde im Ausland hat, sicher schon einmal passiert ist. Ein guter belgischer Freund, nennen wir ihn Dieter, hängt seinem Kumpel, der Gladbacher ist, in den Ohren. In breitestem deutsch-ostflämischen Kauderwelsch schwärmt der Gute Mann aus dem Fußballquadrat Zulte-Kortrijk-Gent-Brügge von „het gele Waand“. Natürlich zuckt man da direkt zusammen, so als amtlich BvB-geplagter Mensch. Man weiß schließlich was jetzt folgt. Die Schwärmerei über den tollen Arbeiterclub aus dem Osten des Ruhrgebietes. Angetreten, um den großen Bayern (und sonstigen Fußballkapitalisten Europas) mit Leidenschaft und dem geilsten Stadion des Universums die Stirn zu bieten. Was wäre es schön, so der Wunsch aus Flandern, für die “Echte Liebe” (oder waren es “Echte Gefühle”?) mal ein Ticket zu bekommen.

Lebensträume, Selfies und Nobby Dickel

Es sind solche Momente, in denen man merkt, wie erfolgreich eigentlich das Marketingversprechen – oder besser: die Lügen – der BvB-Verantwortlichen in aller Welt ankommen. Deutschlands erster und bisher einziger Fußballkonzern mit Börsennotierung gibt sich seit Jahren als ehrliche Alternative zum verlogenen Kapitalisten Bayern München und dem totalen Gegenentwurf zu – ja eben – solchen Sachen wie RB Leipzig. Natürlich wissen wir alle, dass es sich eigentlich andersherum verhält. Dass der BvB die verlogene Kackscheiße ist, während Bayern und Leipzig wenigstens ehrlich in ihren (nicht besseren) Absichten sind.

Aber man ist ja auch kein Arsch. Mit seinen paar Kontakten, die man so am Niederrhein hat, organisiert man dem guten Freund aus Belgien ein Ticket, um sich live im – nach einem Sponsor (Traditionsversicherung, ganz bestimmt!) benannten – Stadion die nächste Schubidu-Klatsche seiner Gladbacher anzuschauen. Auch weil man trotzdem irgendwie ja weiß, wie das mit dem ausländischen Kumpel so bei den „ehrlichen Kumpel im Pott“ laufen wird. Was die sportlich trostlose Reise dann doch noch zu einem kleinen Spaß werden lässt.

Zu Beginn wird noch von „a dream comes true“ gelabert, auf Facebook werden Selfies gepostet. Bis irgendwann Nobby Dickel zu seiern anfängt – was selbst für ausländische Zungen so klingt, als stünde da jemand, der sonst, so gerade noch nüchtern, in der Sprecherkabine des Auto-Scooters auf der Cranger Kirmes sitzt. Ab da fängt es dem belgischen Gast so langsam an zu dämmern. Bevor er den Stadionsprecher als kleinen faux-pas abtuen kann, kommt denn auch schon YNWA. Natürlich in der BvB-Version. Das erwartete geschieht dann auch tatsächlich. Dieter fragt zu Anpfiff enttäuscht: „You’ll never walk alone? Really?! Nothing on their own?“ Und die Stimmung im Spiel? Ihr kennt das: Es gibt als Gastverein mit 8.000 Personen nichts einfacheres, als diese komische “Süd” nieder zu singen. Zu fragmentiert, zu behäbig, zu überlaufen ist diese Heimkurve. Es endet – wie so häufig nach Premieren im grauen Westfalenpark – mit einem „Been there, done that, never again.“ Seit dem Besuch der Fußballparade in Dortmund ist Dieter wieder versöhnter mit seinem belgischen Fußball – der ist weniger gehyped (und eigentlich viel geiler!).

Fuck Off Ballspiel AG

Diese Vorgeschichte sollte man im Blick behalten, wenn wir über das reden wollen, was vor der Partie gegen Leipzig gelaufen ist. Natürlich ist der gezeigte Hass der Ultras nicht geeignet, BvB-Fans pauschal zu kriminalisieren oder zu verurteilen. Aber er führt zum Kern einer eigentlich schnöden Tatsache: Der BvB ist mindestens beliebig, aber eigentlich keinen Deut besser als RB Leipzig. Er ist ein künstliches Produkt, das nur noch die Mehrung des Kapitals im Sinne hat. Wie in Leipzig mit Hilfe eines Images. RB-Dose wie BvB-Trikot stehen für einen Lifestyle und ein Versprechen: “Wenn Du mich nutzt, bist Du einer von den cooleren Leuten. Natürlich ohne den ganzen doofen Misserfolg.” Davon werden – so ist es ja auch im Kapitalismus gedacht – ganz normale Otto-Normal-Verbraucher angezogen. Oder anders gesagt: Es wird die Konformität bedient, die mit Tradition und Niedergang in schlechten Zeiten so gut wie nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Entsprechend erklärbar ist dann natürlich der Ultra-Hass in Dortmund auf Rasenballsport Leipzig, wo man durch harte Aktionen gegen RB doch noch den letzten Funken Abgrenzung wahren kann. Wenn es dann den Vereinsverantwortlichen noch scheißegal ist, dass man seit Jahren Probleme in der Fanszene hat und es dort gärt, dann knallt es halt. Der BvB ist damit Opfer des Geistes, den er selbst rief – womit wir bei der überraschenden Wende des Anti-RB-Protestes sind: Dortmund hat medial so lange die Lüge verbreiten können, kein Produkt zu sein, dass jetzt natürlich umso empörter und enttäuschter über den Gewaltausbruch beim “doch ach so lieben BvB” diskutiert wird. Kein Mitleid dafür. Ehrlich gesagt, ist da eine gewisse klammheimliche Freude vorhanden. Statt den BvB zum Leide seiner wirklich harten Fans weiter zu verklären, verschiebt sich endlich der öffentliche Blick auf den Verein. Auf einmal klingt Ballspielverein nicht weniger dämlich als Rasenballsport. Endlich wird vermehrt kritisch über das Konstrukt diskutiert, das den Fußball vielleicht genauso kaputt macht wie RB Leipzig. Oder sagen wir es so: Fuck Off, Ballspiel AG!

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