Verstörende Visionen in Manchester

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Noch im Shop: MCFC-Fans

Manchester City FC hat Borussia Mönchengladbach verdient besiegt. Dem späten Sturmlauf der „Citizens“ hatten die nun müden Gladbacher nach überragender erster Halbzeit letztlich nichts mehr entgegenzusetzen. Rückstand in Manchester gedreht, dann trotzdem verloren – eine gewisse Enttäuschung war schon vorhanden, als ich gedankenverloren gegen Ende des Spiels auf das von Joe Hart gehütete MCFC-Tor in wenigen Metern Entfernung blickte.

Doch andere Gefühle waren viel stärker! Mitleid, eine gewisse Wut und sogar Ekel: Der Besuch im Etihad (nicht umsonst in England als „Emptihad“ verschrien) ließ jeden Borussenfan für zwei, drei Stunden in die hässliche Fratze des voranwalzenden Sportkapitalismus starren. Dass der Heimspiel-Alltag des Manchester City FC eine Vision aus der Zukunft der Bundesliga ist, muss um alles in der Welt vermieden werden. Der Stadionbesuch als aseptische Konsumveranstaltung unter dem Deckmantel der pseudo-notwendigen, geheuchelten Sicherheit. Hinsetzen, keine Regung, Cola schlürfen und nach dem Abpfiff schnell weg. „The City shop is now open again“. Es ist die Chronologie eines Fußballabends mit einem Klub, der mit einem „Verein“ nichts mehr gemein hat.

Ticketorder aus der Hölle, Stimmung wie auf dem Friedhof

Im Prolog die Farce, dass Ticketbestellungen für Plätze außerhalb des Gästeblocks von deutschen Adressen storniert wurden. Fußball gucken nur bei „passender“ Nationalität oder Wohnort. Am Tag des freien Verkaufes selbst wurden die Kaufbedingungen für das Gladbach Spiel geändert, als die Ticketabteilung wohl bemerkte, dass da jede Menge Borussen über britische Bekannte und Freunde Karten erwarben. Um elf Uhr brauchte man plötzlich Punkte auf seinem MCFC-Konto – durch vorherige Stadionbesuche akkumuliert – um sich für den Ticketkauf City-Gladbach zu „qualifizieren“. Um neun Uhr war das noch nicht der Fall gewesen. Im Stadion dann (Alkohol- und Rauchverbot – geschenkt) Verbote: Feuerzeugverbot. Schalverbot. Trikotverbot. Aufstehverbot. Jubelverbot. City hat die Chance, ihre Champions League Gruppe zu gewinnen, und zehn Minuten vor Anpfiff ist das Stadion halb leer. Wahrscheinlich alle „shoppen“, City-Zahnpasta oder Joe Hart-Parfüm.

Das Spiel beginnt, und es passiert: nix! 95Prozent des Stadions glotzen stumm, was da passiert. Naja gut, kannte man alles vom TV und Erzählungen, die Existenz von designierten „singing sections“ spricht ja ohnehin schon Bände. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Abschnitte neben den “away supporters” genau eben diese singenden Blöcke sind. Und wir mittendrin! Nochmal: Neben dem Gladbach-Bereich befindet sich der einzige Block im Stadion, in dem sich zumindest etwas Fankultur regt! Vom Support her ist das alles sehr, sehr überschaubar. Meine britische Sitznachbarin entschuldigt sich denn auch für die erbärmliche Unterstützung der Fans des Heimteams. Sie und ihre Freundin feuerten aus Leibeskräften an, aber zu zweit kommt man halt nicht weit im Stadionrund. So textete sie dann auch nach zehn Minuten einem Freund: „komm’ mir vor wie bei einem Auswärtsspiel“, als die stimmgewaltigen Fohlen-Fans wieder einmal die akustische Herrschaft übernommen hatten. Zur Erinnerung: Das hier waren die „aktiven“ Heimfans, im “singenden Block”. Bei mir machte sich in der Tat Mitleid breit.

Darum liebt alle den Scheich

Über allem thronte – im Hinblick auf das sich uns bietende Schauspiel aus Borussen-Perspektive mit ironischem Einschlag – ein von offizieller Seite aufgehängtes Banner, in dem Klubbesitzer Scheich Mansour aus den Vereinigten Arabischen Emiraten devot gedankt wird. So nahm das Spiel seinen Lauf, und die auf den Rängen hoffnungslos bis zur Fremdscham unterlegenen “Blues” waren sich dann auch nicht zu schade, allen Ernstes nach den entscheidenen sechs Minuten und drei Toren zum 4:2 „you’re not singing anymore“ in Richtung Borussenkurve zu skandieren: Nachdem sie siebzig Minuten mit teilweise offenen Mündern und gezücktem Smartphone andächtig der Gladbacher Kurve gelauscht hatten. Wieviel verletzter Stolz, wieviel Neid mag sich da Bahn gebrochen haben, bei diesem Inselchen von Cityfans in einem Meer von anscheinend still konsumierenden Anhängern? Nach dem Spiel stand sogar Ekel, als viele Augenzeugenberichte von Borussen von den Tribünen kamen, die schilderten, wie City-„Fans“ jubelnde, sich über Borussia-Tore freuende Gladbacher tatsächlich bei Ordnern denunzierten und Stadionverbannung forderten. Wie sehr muss man sich von dem Sport, den man vorgibt zu lieben, entfernt haben, um sich derart zu verhalten? Allein, man konnte sie nicht fragen, war das Stadion denn auch drei Minuten nach dem Abpfiff zu zwei Dritteln geleert. Auch auf dem Rasen: die Angestellten Spieler waren bis auf Torwart Joe Hart pünktlich in der Kabine verschwunden. Aber hey, dafür war ja jetzt der “City store” wieder offen, wie per Lautsprecher vermeldet.

“Fußball 2015 ist nun mal so”, werden jetzt die einen rufen, “Sicherheit für den Stadionbesuch mit Familie hat Priorität” die anderen. Nur, darum geht es hier nicht. Das “safety”-Gerede ist eine offensichtliche Blendgranate für das Erstreben, bis ins Detail kontrollierbare und formbare Konsumenten für das Business-Franchise Manchester City zu kreieren. Ginge es nämlich um die Sicherheit, hätte man mal zumindest mal den ein oder anderen Besucher am Eingang abtasten können. Das ist nämlich überhaupt nicht geschehen. Dazu ist die Idee, das Heim-Supporter-Blöckchen gleich neben den der Auswärtsfans zu platzieren, getrennt von einem Schrebergartenzäunchen, kompletter Irrsinn. Zynische Niederrheiner in den Bars von Manchester nach Abpfiff vermuteten gar ein gewisses Kalkül hinter dem Aneinanderreihen der Fanlager: So ist ja bei jedweden erwartbaren Reibereien der Ruf nach „mehr Sicherheit“ entsprechend leicht vorzubringen. Sicher kein absurder Gedanke.

Jubeln? Raus aus dem Stadion!

So boten sich in Manchester zwei Bilder: Hier die sich sehr gut benehmenden, zahlreichen Gladbachfans, die mit famosem Auswärtssupport erneut europaweit aufhorchen ließen; dort ein unheilvoller Vorbote auf ein Stadionerlebnis, wie es hoffentlich in der Bundesliga nie vorkommen wird, in zehn Jahren durchaus aber vorstellbar ist. Kernpunkte, wie es dies zu verhindern gilt, sind jedoch nicht die der reduzierten Auswärtskontingente oder personalisierten Eintrittskarten. Dies sind letztlich Details der Fan-Verein-Interessen, die trotz allem immer noch im nahen Austausch zwischen Klub und Fanvertretetern verhandelt und diskutieren werden (können). Nein, der wahre Umschubser in Richtung Etihad-Stimmung käme aus der Führungsetage: Jedwede Aufweichung der 50+1 Regel (auch wenn Kollege Ullrich genau dafür Argumente findet). Es ist simpel: Ist ein Investor mit neunstelligen Millionenbeträgen am Start, verkommt der finanzielle Beitrag der Kartenverkäufe zur Kaffeekassensumme. Ergo hat der Besitzer/Verein, nun gleichbedeutend, kein Interesse mehr daran, sich mit Fankultur auseinander zu setzen, wenn es dem Profit entgegen steht und teure, “akustikberuhigte” Sitzplätze da einfach besser passen. Dazu sind derartige Kunden flugs nach Abpfiff im besagten Shop als Konsumenten – anstelle der “krakelenden” Ultras platziert man viel besser Touristen aus Südost-Asien oder den USA mit einem rundum-VIP-Erlebnis samt Hotel, Essen und Plüschtier im Stadion. Auch wenn das speziell im Gladbacher Falle ein weit entferntes Horrorszenario ist, da der Verein sich aktuell der Bedeutung der Fankultur sehr bewusst ist: In anderen Bundesliga-Stadien würde es schnell so weit kommen, würde man die Investoren nur lassen.

Man mag also zur aktiven Fanszene und deren Protagnisten stehen, wie man will, aber wenn man nicht irgendwann von der “gesitteten Gegengerade” auf eine “stumme Nordkurve” blicken will und neben sich den Hannover-Fan vom Ordner wegen “Torfreude” ermahnt sieht, sollte man sich an Abende wie Borussias Auftritt im Etihad Stadion aus der Fanperspektive stets erinnern.

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