Tage der Identität

In Mönchengladbach wittert die Borussia auf einmal wieder Morgenluft. Das Ziel, die Saison anständig zu beenden ist schon jetzt nahezu erfüllt. Auf einmal kann der Club sogar noch ganz groß rauskommen. Eben weil die Borussia wieder die Borussia ist.

Nirgendwo sonst wie in Mönchengladbach wird dieser Tage (mal wieder) die Schnelllebigkeit des Fußball-Sports demonstriert. Hatte zum Jahresende 2016 so manch ein Borusse die Raute auf der Weihnachtsbaumkugel klammheimlich gegen die Wand gedreht, so ist die schwarz-weiß-grüne Fohlenwelt zwei Monate später begeistert-euphorisch und Spiegel Online titelt gar “Das Erwachen der Macht”.

Wohin geht die Reise in dieser Spielzeit?

In der Tat, während nach dem Abgang von André Schubert die Perspektive war, die Saison ordentlich zu Ende zu führen und ja nicht zu tief in den Abstiegskampf gezogen zu werden, so ist man nun immer noch dreigleisig unterwegs und steht nach wenigen Wochen mit Trainer Dieter Hecking womöglich vor den erfolgreichsten zehn Wochen der letzten 40 Jahre. Wie diese (mal wieder) turbulente Spielzeit auch ausgehen mag; sie stellt vor allem zwingend die Frage nach der Identität von Borussia Mönchengladbach 2017 – auf den Rängen, in der Mannschaft und auf den Führungspositionen.

Wie hier an anderer Stelle angemerkt, tun sich die Ultras der Borussia momentan sehr schwer, mit der Frühjahrseuphorie mitzugehen. Damit verlieren die in der Vergangenheit oftmals mit kreativen und aufwendigen Choreographien aufgefallenen Gralshüter der Gruppenbeschallung den Kontakt: mit dem Verein und den sie zahlreich umgebenden, gesangs-affinen Fans. Über den Versuch, gegen Schalke eine Presseverteufelung ob ihrer durchaus fragwürdigen Performance während des Leipzig-Spiels herbeizubannern, lachte nicht nur die Tribüne.

Dauerrenner Borussia

Dabei braucht der Verein (= Leitung, Team, Fans) gerade jetzt eine gemeinsame Orientierung. Bitter wäre zudem eine Spaltung der Fan-Lager, wie sie in anderen Vereinen in den letzten Jahren beobachtet wurde. Denn: die Erzählungen von der Rückkehr des Mythos unter Lucien Favre oder die jung-und-hip-Phase unter Schubert sind vorbei. Das “wieder in Europa” ist auch nicht mehr ganz neu – man muss 2017 gucken, wofür die Fohlenelf-Anhänger jenseits dieses Wortes in ihrer Identität stehen. Manchmal ist da Fußball-Bierchen-Anfeuern der einfachste, nur scheinbar langweiligste Weg der Selbstfindung, um der Langeweile auf den Rängen Nord entgegenzuwirken. ‘It’s the auf dem Rasen, stupid!’ – hat schon am Bökelberg prima geklappt.

Derweil ist die Identitätsfindung der Mannschaft erstaunlich weit fortgeschritten. Was ein Kernproblem in den trüben Herbst- und Wintermonaten der Hinrunde war – wer, wo, wie? – hat sich nun in Windeseile zusammengefügt. Lars Stindl ist auf einmal der heisseste Scheiss der Fußballnation und geht als Kapitän voran. Dahinter finden Yann Sommer, Christoph Kramer aber auch ein Oscar Wendt ihre Topform der Vorjahre wieder. Auf dem Platz wirkt die Mannschaft zielorientiert und frisch in den Beinen und im Kopf. Was das heißt: Es wird trotz 3-Tage-Rhythmus sage und schreibe 10-20 Kilometer mehr gerannt als 2016 und Einbrüche bei unglücklichem Spielverlauf erlebt eher der Gegner.

Keine Etiketten mehr, nur noch Fußball

Die Mannschaft kontrolliert indes ihre Spiele, indem sie (wie gegen Schalke) sich den Gegner zurechtlegt, Pressing und Ballbesitz variiert. Hier liegt vielleicht das Geheimnis der Borussia von Hecking: Das Thema ist eben nicht mehr permanent der Übungsleiter oder die Taktikformation. Ob Favre oder Schubert – die Kameras fokussierten sich eben lange Jahre immer auf die Seitenlinie. Hecking hält sich zurück, gibt sich zwischenmenschlich offen und inhaltlich simpel. Nach den Spielen redet keiner mehr über die nicht erfolgten oder zu vielen Wechsel, falsche Formationen oder fehlende Adaptation an den Gegner. Eine Ansammlung von guten bis sehr guten Fußballern macht in einem klaren Rahmen insofern das Richtige, als dass es mehr als die Summer der Einzelteile ergibt. Auch hier ist die Frage nach der Identität überraschend einfach: Es bedarf keiner komplizierten Etiketten à la ‘Dreierkette-Team’ oder ‘die, die immer pressen’. Mit der Leistungsoptimierung kommen Tore, kommen Siege – das ist da, was hängen bleiben wird.

Was wird aus Max Eberl?

Der interessanteste Aspekt der Identitätsfindung spielt sich unterdessen in der Führungsetage ab. Borussia Mönchengladbach ist eben auch mit dem Namen Max Eberl verknüpft, der dem Aschenputtel aus der Vitusstadt über Jahre immer schickere Pumps angezogen hat. Nun überschlagen sich die Investigativ-Journalisten von Sport1, Sky und Co. seit Monaten dabei, den von Eberl öffentlich auch nicht klar dementierten Wechsel zum FC Bayern München herbeizufragen.

Hier bleibt zu hoffen, dass, sollte es zum Managerwechsel Niers-Isar kommen, der Verein eben mittlerweile Eberls Identität, oder Philosophie, verinnerlicht hat. Talent günstig kaufen, teuer verkaufen, sich oben etablieren. Was nicht an einzelne Personen weitervererbt wird, sollte über die Jahre wenigstens den Weg in ein schlaues FAQ-Büchlein über “Sportdirektorentum in Gladbach” gefunden haben. Was Eberl angeht, so bleibt zu hoffen, dass er den Flirt mit dem Rekordmeister letztlich dazu nutzt, um sich als umworbener Manager in Mönchengladbach unantastbar und sich auf lange Zeit als “Bayern-Niveau” auch extrem attraktiv als Verhandlungspartner zu machen.

Denn in München geben, bar jeglicher Lippenbekenntnisse oder Schriftsätze, Karl-Heinz Rummenigge und (wieder) Uli Hoeneß den Ton an. Was diesen Sachverhalt angeht, so wird die erfolgreiche Pokaltour der Gladbacher auf einmal pikant: Eberl hat immer anklingen lassen, dass die Mission mit der Borussia nicht erfüllt ist – solange er kein “Blech” in den Händen gehalten hat. Ein etwaiger Pokalsieg, und der Sportdirektor hat auch offiziell seinen Auftrag erfüllt. Mag auch jeder Borusse jedweden Titel herbeisehnen und sicherlich auch dabei einen Eberl-Wechsel in Kauf nehmen – dieser Segen sollte nicht zum Fluch werden. Gedanken an Berti Vogts 1979 und Stefan Effenberg 1995 kommen hier auf. Dementsprechend darf eins nicht passieren: Dass mit Max Eberl die Identität der Borussia im Sommer 2017 geht.

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