Schubikalypse – vom Abwehrtrichter zum Schweizer Käse

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Ödland Kirmesfußball

Die Niederlage beim Hamburger SV ist ein echter Durchrüttler für Fans von Borussia Mönchengladbach. Wer bis vor der Partie gegen den Trümmerdino dachte, dass es ein unaufgeregter Sieg einer wieder stabilen Borussia, der sah sich enttäuscht. Wieder einmal gab es Kirmesfußball. Spätestens nach der 2:3-Niederlage sollte bei den meisten angekommen sein: Mit diesem Defensivverhalten endet die Saison im Ödland des Mittelfelds.

Auch dieses Mal wurde hoch gepresst bei Verzicht auf eine Staffelung in der Abwehr. Ballverluste oder ausbleibende Balleroberungen hatten fatale Folgen. Ein langer Ball auf eine parallel stehende Abwehrreihe, am besten noch zwischen das ungeordnete defensive Mittelfeld und Sechzehner gespielt, fertig ist die simple Überrumpelung der Borussia durch den Gegner. Ganz schlimm wird es dann noch, wenn individuelle Fehler – es fehlt ja jegliche Staffelung – nicht mehr ausgebügelt werden, der ballführende oder -verlierende Abwehrspieler fast ausschließlich letzter Mann ist, während sich die Mitspieler dauernd vor dem Ball befinden. Es entsteht Unsicherheit, Gezocke und das Schaffen einer hochveranlagten Truppe basiert am Ende nur noch auf Zufall. Unter dem Schweizer Übungsleiter Lucien Favre ein Unding, das trichterhafte Verdichten der Abwehr vor dem Gladbacher Tor war ein Paradestück der Abwehrarbeit, die vor Jahresfrist ihresgleichen in Europa suchte. Im Spiel an der Elbe erinnerte nichts mehr an ein solches Spiel. Übrig geblieben sind Löcher wie bei einem Schweizer Käse.

Schlechtes Coaching im Spiel

Gut, man kann jetzt sagen, so etwas passiert nun einmal. Gegen den HSV fehlte es halt an der Ballsicherheit in der sonst verlässlichen Offensive. Dann hat auch die Abwehr Probleme und es wird selbst gegen solch mannschaftliche Fehlkonstrukte wie dem HSV schwer. Aber damit wären wir auch schon beim Grundübel der letzten Wochen. Borussias Kader besitzt die wohl größte Spielintelligenz nach Bayern München. Die Spieler sind maximal variabel. Eine solche Truppe kann während des Spiels mit ein, zwei Umstellungen taktischer Art schnell auf einen biederen Modus schalten. Man kann so etwas nach zwei schlimmen Abwehrfehlern bei gleichzeitiger Führung noch justieren. Spätestens nachdem Granit Xhaka als letzter Mann dem HSV dazu verholfen hatte, die wahrscheinlich größtmögliche Torchance des Jahrzehnts zu versemmeln, muss ein Trainer reagieren.

Und das geschieht nicht. Nicht beim HSV und auch sonst nicht. Gladbach-Trainer Andre Schubert lässt es allzu häufig einfach geschehen. Sah es am Ende der Hinrunde so aus, als seien die Slapstick-Auftritte in der Abwehr Folge der immensen Überspieltheit, zeigt nach der Winterpause: Schubert hat defensiv kein anderes Konzept als dieses. Er will den steten Mix aus aggressivem Pressing und einem risikobehafteten Stellungsspiel in einer Dreier-, Vierer-, oder Fünferkette. Das war gegen Dortmund so, als die ganzen Läufe der Dortmunder die Abwehr übeforderten. Das zeigte sich gegen Bremen, bei dem das 5:1 schlimme, ungesühnte Abwehrklöpse kaschierte. Und das führte jetzt zu einer Niederlage in einem Spiel, dass man mit einer Taktik jenseits der Kirmesunterhaltung seriös und langweilig gewonnen hätte.

Ist Schubert der Richtige?

Zu all dem fragt man sich, ob die individuellen Fehler und die an den Tag gelegte Pomadigkeit, Zeichen einer “laissez-faire”-, einer “alles cool”-Attitüde in der Trainingswoche sind? Die Müdigkeit der englischen Wochen im Herbst, nicht vorhandene Zeit zum Traineren kann nun nicht mehr vorgebracht werden, um Gegentore und Niederlagen zu erklären. Die Mannschaft scheint in einer “was kostet die Welt”-Ausrichtung gefangen zu sein, die teilweise ähnlich dogmatisch exerziert erscheint wie das Favresche System. Mit dem Unterschied, dass das System des Ex-Trainers an schlechten Tagen dadurch ein 0:0 produzierte, während die Borussia 2015/2016 unterlegene Gegner per “Kirmesfussball” zum Torschiessen einlädt.

Run and Gun ohne Alternative. End-to-End-Fußball, der selbst Johann Cruyff zu riskant wäre. Um es klar zu sagen: So großartig André Schubert es gegen Bayern, Juve oder Manchester gelöst hat, so hilflos wirkt es gegen das Alltagsgeschäft der Liga. Wirklich an den Problemen gearbeitet wurde nicht. Mit diesem Rückrundenstart, der mangelnden Stabilisierung des Fußballs ist kaum mehr als langweiliges tabellarisches Mittelfeld-Gedümpel drin. Der Rest wird sich dann spätestens im Sommer fügen. Für eine weitere Vorbereitung mit der Mannschaft bewirbt sich der theoretisch starke Coach nämlich nicht unbedingt.

#yeswehein

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