Am Ende der Sackgasse

Zugegeben: mit dem Abstieg von 1860 München fand die Spielzeit 2016/17 noch ein schönes Ende. Damit verschwindet bis auf weiteres ein Club von der Bildfläche, dessen Verantwortliche sich willfährig von einem durchgeknallten Investor die Richtung vorgeben ließen und scheiterten. Aber insgesamt ist in der ausgehenden Saison einiges kaputt gegangen.

Dabei hatte ich ja schon so eine leise Ahnung, dass es schwierig werden könnte. Nicht, weil mein Verein mit André Schubert in die Saison startete. Mir schwante, dass es mit dem sprunghaften Vielredner nicht lange gutgehen konnte. Ich hatte einen Trainerwechsel eingepreist und kann – trotz zeitweiser Gruselauftritte in Heimspielen – hoffnungsfroh in die neue Spielzeit gehen. Schuberts Nachfolger Dieter Hecking scheint einen Plan zu haben, das Team akzeptiert ihn augenscheinlich und Max Eberl – der ein Angebot der Bayern ausschlug – hat als Sportdirektor erkannt, wo die Fehler zuletzt lagen.

Fehleranalyse bei DFB und DFL? Nö!

Insofern verkrafte ich gelassen die sportlich grandiose Leistung der verhassten Kölner, die nach einem Vierteljahrhundert mal wieder europäisch spielen. Das war es dann aber auch schon. Der Rest der Spielzeit taugt eigentlich nur noch zur Fehleranalyse der unzählbaren Grenzen, die überschritten wurden. Wäre man doch nur bei DFB und Deutscher Fußball Liga willens, diese Analyse zu begehen. Doch während ich mich frage, wo ich anfangen soll, scheinen sich die beiden Dachorganisationen des deregulierten Fußballs vordergründig in Sonntagsreden zu üben, während es hintenrum ein kühles “weiter so!” gibt.

Aber wie gesagt: fangen wir vorne an. Dass die Besetzung der Ersten Bundesliga in den letzten Jahren eher suboptimal war, ist kein Geheimnis. Wolfsburg mit seinen VW-Millionen, Hoffenheim aus der SAP-Schmiede oder auch Ingolstadt mit ein bisschen Audi-MediaSaturn-Knete sind nicht gerade Stimmungsaufheller. Die ausgehöhlten Schein-Traditionalisten aus München, Dortmund und Hamburg sind da nicht mitgerechnet. Ehrlich gesagt: In der Liga gibt es Frankfurt, Köln und Gladbach. Der Rest ist/war im freundlichsten Falle langweilig (leider auch Darmstadt), im schlimmsten entmenschlicht (Huhu Bayern, Schalke und Dortmund) oder am Ende gar überflüssig (Hallo Ingolstadt!). Die Diskussion, dass gerade die erste Liga von ihren Teams her alles andere als Premium ist, war so neu nicht – das Fass war also randvoll.

Warum pfeift eigentlich bei Anastacia keiner?

Der Tropfen, oder sagen wir eher der massive Wasserfall, der es dann zum Überlaufen brachte, war und ist RB Leipzig. Ein Verein, künstlich geschaffen, gepampert von einem Konzern, den ein “Mensch” gegründet hat, der nur ein weiterer sich selbst überschätzender Politrambo aus Österreich ist und als Aufsteiger direkt oben angreifen will: ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses absehbare Grauen so hart trifft. Je mehr sich abzeichnete, dass nur RB Leipzig sich halbwegs hinter den FC Bayern klemmen kann, desto mehr verließ mich die Lust.

Da sind einem sportliche Krisen des eigenen Clubs fast schon egal. Die brauchbare Aufholjagd der Borussia – sie ging an mir erstaunlich lustlos vorbei. Vorfreude auf ein Fußballspiel? Geht mir seit Jahresbeginn ab. Warum das so ist, wurde mir dann bei der Meisterfeier in München klar. Die gelangweilte Souveränität des Fußballkonzerns wirkte wie ein Schlag ins Gesicht eines jeden Fußballfans. Die überzogene Halbzeitshow im letzten Heimspiel gegen Freiburg wurde zur hingenommenen Frechheit und Respektlosigkeit gegenüber dem Sport. Da wirkte die Helene-Fischer-Halbzeit-Show während des Pokalfinales noch harmlos.

Turbokapitalismus und Lala-Ultraland

Noch absurder wurde die Saison wegen des Fanverhaltens. Fangen wir mal mit dem Harmlosen an. Wie kaputt muss eine Liga sein, in der HSV-Fans für den Klassenerhalt den Platz aus Freude stürmen? Wie bescheuert sind wir eigentlich, dass die Teilnahme an einem in Europa marginalisierten Wettbewerb mit dem kollektiven Freudentaumel einer ganzen Großstadt endet? So sportlich großartig die Kölner Leistung war, so vielfach einen drüber war die Party danach! Der Anschlag auf die Mannschaft des BvB – eine wohl aus kapitalistisch niedrigen Motiven durchgeführte Tat, die selbst verdorbenste Politaficionados mit ihren zum Geschäft passenden Hintergrund überrascht hat. Und dann noch die Ultras landauf, landab, eben jene – meist aus bürgerlichen Milieus stammenden – Dauersänger, die sich aufspielen, als seien sie die Ausgegrenzten der turbokapitalistischen Fußballneuzeit, und sich immer knapp an der Geschmackslinie – sprachlich wie inhaltlich – vorbei bewegen. Ein Blick auf die beleidigte Szene in Mönchengladbach genügt.

Nein, diese Saison hat wahrlich nichts dazu beigetragen, noch Lust auf das Konstrukt Profifußball zu haben. Sicher werde ich weiter hingehen – zur Borussia, auch hin und wieder zu meinen Düsseldorfer Freunden, die ein eigenes Kapitel vom Pseudo-Cleanen-Planfußballwahns des eigenen Vorstands erzählen könnten. Aber wenn meine einzige echte Freude ist, dass der VVV Venlo mit seinem schrammeligen Stadion aufgestiegen ist und ich bald für ‘nen Zehner Ajax wie Feyenoord sehen kann, dann ist etwas nicht mehr in Ordnung. Auf jeden Fall ist für mich die Saison 2016/17 vielleicht der Anfang davon gewesen, dass ich mich über diesen Affenzirkus nicht mehr aufrege. Die Fußballwelt jenseits der Bundesligen bietet noch genug Reiz, ohne mich weiter um den Blödsinn der deutschen Verbände kümmern zu müssen. Das Scheißprodukt Bundesliga kommt mir inzwischen nur noch lächerlich vor. Vielleicht kann ich ja für diese Erkenntnis auch ganz dankbar sein…

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